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Husumer Nachrichten

24. März 2017 | 07:17 Uhr

Was sich in Husum verändert : Als Bälle noch Kult waren

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Mehr als 20 Veranstaltungen gab es früher in Husum. Heute haben nur noch Feuerwehr, Handwerk und der Verein „Ubi Bene“ Erfolg mit der Ball-Tradition.

„Das waren noch Zeiten“, schwärmt Jürgen Boe. „Da gab’s allein in Husum 20 Bälle und mehr – im Jahr.“ Bälle waren Kult, „und wer Karten für den Tennisball haben wollte, musste sich mächtig ins Zeug legen“, blickt das Urgestein des Rödemisser Spielmannszuges und Jugendblasorchesters zurück. Auch Boe und die Seinen haben Bälle organisiert – zum Teil mehrmals im Jahr. „Aber irgendwann war Schluss damit. Es kamen keine Leute mehr, die Kosten liefen uns davon.“

Auch Hansjörg Andresen, der Vorsitzende des Husumer Tennisclubs (TC), hat die rauschenden Ballnächte nicht vergessen. Die erste Ballnacht des TC geht auf das Jahr 1962 zurück. Damals wurde noch im Parkhotel Thordsen gefeiert. Ihren Höhepunkt erreichte die Woge der Festball-Euphorie dann 1971: „Da kamen über 500 Besucher“, sagt Andresen. Danach gingen die Zahlen zwar etwas zurück, aber ans Aufhören hätte deshalb niemand gedacht. Der eigentliche Absturz kam überraschend. Zwischen 2001 und 2003 schrumpfte die Zahl der Besucher dramatisch. Ein letztes Hoch bescherte den TC-Bällen der 50. Vereinsgeburtstag 2004. „Danach gingen die Zahlen abermals in den Keller“, erzählt Andresen. Und 2009 war das Ganze nicht mehr kostendeckend. Der Tennisclub zog die Reißleine.

Gern hätte er den Ball ins Nordsee-Congress-Centrum (NCC) verlegt, „aber das war nicht darstellbar“. Die Kosten hätten sich annähernd vervierfacht. „Bis dahin hatten wir nach dem Ball immer geringfügige Überschüsse, die in unsere Jugendarbeit flossen. Damit war es nun schlagartig vorbei“, merkt Andresen an. Und als Jurist wusste er natürlich auch, dass „wir irgendwann Probleme mit der Gemeinnützigkeit bekommen hätten, wenn die Unterdeckung unseres Ballbetriebs aus dem Vereinsetat genommen werden musste“. 1800 Euro Miete, 3000 bis 3500 Euro für die Live-Band, steigende Gema-Gebühren und Nebenkosten – „das hätte am Ende 30 bis 35 Euro Eintritt bedeutet – ohne Getränke“, bilanziert der Vorsitzende.

So verschwand der Tennis-Ball aus dem gesellschaftlichen Leben der Stadt. Und nicht nur er: Auch der Ärzte-, der Turner-Ball und der Ball der Deutsch-Olympischen Gesellschaft wurden aufgegeben.

Doch es gibt noch einige wenige Bälle, die dieser negativen Entwicklung trotzen. Obwohl es mit hohen Kosten verbunden ist, hat sich die Freiwillige Feuerwehr für das NCC als Veranstaltungsort entschieden. „Insbesondere die jungen Leute haben dafür gestimmt“, erklärt Peter Post, stellvertretender Wehrführer. Zum Stiftungsfest wird seit Jahrzehnten für den Sonnabend vor dem ersten Advent eingeladen. „Es ist die einzige Möglichkeit, den freiwilligen Helfern etwas zurückzugeben“, meint Peter Post.

Doch rückläufige Besucherzahlen müssen auch für den Feuerwehrball gemeldet werden: Vor zehn Jahren seien diese auf rund 250 gesunken. Seitdem die Veranstaltung in das Congress-Centrum verlegt worden ist, steigen sie jedoch wieder. „Wir versuchen, den Leuten etwas Besonderes zu bieten. Zum 140-jährigen Bestehen im vergangenen Jahr hatten wir einen roten Teppich am Eingang“, erzählt Post. „Das versprühte Hollywood-Flair.“

Auch im Handwerkerhaus wird noch regelmäßig getanzt. Im kommenden Jahr steht der 159. Handwerker-Ball bevor. Seit der Gründung des Vereins fiel der nur zweimal aus, erinnert sich Beisitzer Günther Pflaeging. Früher wurden Tellergerichte serviert, vor drei Jahren gab es zum ersten Mal ein Büfett. „Ein Menü ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt die Vorsitzende Britta Szyska. Ebenso würde eine lange Begrüßungsrede die Gäste langweilen. Deswegen halte sie sich kurz. Ehrungen würden stattdessen bei der Jahresversammlung stattfinden.

Manche Traditionen bleiben. „Es ist ein Fest, wo sich die Leute zu 80 Prozent kennen“, betont Pflaeging. Das sei wichtig für die Stimmung. So komme man bereits beim Essen ins Gespräch. Und spätestens zur Polonaise werde das Publikum durchgemischt – denn: „Da macht jeder mit.“

Keine Probleme mit Anmeldungen gibt es für den Ubi-Bene-Ball. „Wir könnten mehr als 400 Karten verkaufen. Aber dann wäre es zu voll und nicht mehr schön“, sagt Beate Ziebell im Namen des Ubi-Bene-Teams. Am 1. Juni beginnt in jedem Jahr der Vorverkauf, und bereits Ende des Monats sind dann nur noch vereinzelt Karten zu ergattern. Und die Warteliste sei lang. „Es ist ein öffentlicher Ball.“ Es gebe kein Essensangebot, sondern es gehe gleich los mit dem Tanzen. Dazu seien die Leute schließlich gekommen.

Im Jahr 2008 hatten sich die Ball-Veranstalter bei Ubi Bene die eher rhetorische Frage gestellt, was es Schöneres gebe könne, als sich einen Abend lang zu amüsieren – und das für einen guten Zweck. „Es war Zeit für einen Ball. Es gibt viele Ü30-Partys. Aber für Leute ab Baujahr 1964 nur wenige Anlässe zum Ausgehen“, meint Beate Ziebell.

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