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Holsteinischer Courier

30. Juli 2014 | 21:13 Uhr

Neumünster : Vor zehn Jahren wurde Jennifer Haack ermordet

vom

"Wo ist Jennifer?" Mit dieser Überschrift suchte der Holsteinische Courier am 25. September 2002 nach der jungen Auszubildenden Jennifer Haack. Doch da war die 16-Jährige bereits seit fast fünf Tagen tot.

Neumünster | Am morgigen Donnerstag vor zehn Jahren wurde das Mädchen am späten Abend auf dem Heimweg von einem vorbestraften Sexualstraftäter ermordet. Tagelang suchten Polizei, Freunde, Arbeitskollegen und Anwohner verzweifelt nach der Verschwundenen, bis die traurige Gewissheit kam - und eine ganze Stadt verharrte in Trauer und Wut.
Die Tat
Sie hatten sich einen schönen Abend in der Innenstadt gemacht: Am 20. September 2002 gegen 22.30 Uhr trennte sich Jennifer auf dem Kuhberg von einer Freundin. "Sie machte ihren Disc-Man an und ging Richtung Rendsburger Straße davon", erinnerte sich die Freundin später vor Gericht. Jennifer wollte nach Hause in ihre kleine Wohnung an der Rendsburger Straße. Am nächsten Tag sollte sie wieder bei Media-Markt arbeiten. Dort hatte das fröhliche Mädchen mit den langen blonden Haaren erst vor sechs Wochen eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau begonnen - Abteilung Tonträger. Ein Traum-Job für die musikbegeisterte junge Frau, die selbst in einer Mädchenband Rhythmusgitarre spielte. Für ihre Lehrstelle war sie von Samtens auf der Insel Rügen nach Neumünster gezogen.
Sie hatte nur zirka 800 Meter Weg vor sich. Kurz bevor sie das olivfarbene Mehrfamilienhaus erreichte, traf sie auf ihren Mörder. Der Gelegenheitsarbeiter Stefan Z. war erst Anfang Juni nach sechsjähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen worden, war schon zwei Mal wegen Vergewaltigung verurteilt worden. Kurz vor der Einmündung der Viktoriastraße packte der Mann das Mädchen offenbar von hinten und zerrte es über einen Parkplatz ins Unterholz eines zurückliegenden Brachgeländes. Ermittler werden später rekonstruieren, dass Jennifer durch "stumpfe Gewalt auf Kopf, Hals und Schultern wehrlos gemacht" wurde. Sie erstickte "nach massiven Verletzungen im Halsbereich", hieß es in den Gutachten der Rechtsmediziner. Der Täter ließ die Tote bis auf die Socken entkleidet unter großen Baumstämmen zurück.
Die Suche
Am nächsten Tag wurden die Kollegen von Jennifer schnell unruhig, als die sehr zuverlässige Auszubildende nicht am Arbeitsplatz erschien, zumal an diesem Tag eine Inventur anstand - für die 16-Jährige als Neuling eine durchaus aufregende Aufgabe. Sie versuchten sie über ihr Handy zu erreichen - doch das Gerät war ausgeschaltet. Schließlich rief der Geschäftsführer die Eltern auf Rügen an. Die Familie startete eine verzweifelte Suche. Immer wieder wählten Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel Jennifers Nummer. Sie probierten es so häufig, dass der Anschluss manchmal besetzt war. Dann keimte Hoffnung auf - doch vergebens. Schließlich setzte sich die Familie ins Auto und fuhr nach Neumünster. Außerdem schaltete sie die Polizei ein - eine groß angelegte Suche begann.
Im Laufe der nächsten Tage durchkämmten rund 100 Polizeibeamte aus Neumünster und Eutin mehrere Gelände in der Stadt - suchten auch intensiv an der Rendsburger Straße. Tornados der Bundeswehr aus Jagel stiegen mit Wärmebildkameras auf und fotografierten Erdbewegungen, Hubschrauber kreisten über der Stadt, Taucher suchten im Faldera-Teich und in zwei Tümpeln an der Sedanstraße und beim a+b-Center. Die Medien wurden eingeschaltet. Kaum war der erste Bericht erschienen, meldete sich schon eine Anwohnerin. Sie hatte auf dem Gelände der ehemaligen Sick-Kaserne Kleidungsstücke entdeckt: Schuhe mit auffallend roten Schnürsenkeln, eine beigefarbene Cordhose und eine Unterhose. Es war die erste Spur von dem verschwundenen Mädchen.
Zwei Tage später dann der Durchbruch: Eine Zeugin meldete sich bei der Polizei. Sie hatte am Tag von Jennifers Verschwinden in den späten Abendstunden kurz hinter der Shell-Tankstelle an der Rendsburger Straße im Vorbeifahren beobachtet, wie ein Mann von hinten jemanden gepackt hatte. "Da ging ein Mädchen mit Pferdeschwanz", erinnerte sich die Frau später vor Gericht. "Plötzlich kam ein Mann ganz zielstrebig aus dem Dunkeln, packte sie von hinten um die Taille und trug sie weg. Sie strampelte hilflos mit den Beinen", erzählte die Zeugin. Weil sie "so ein komisches Gefühl hatte", kehrte sie mit ihrem Freund später an die Stelle zurück. Da waren der Mann und das Mädchen nicht mehr zu sehen. Nach dieser Aussage hatte die Polizei endlich einen Anhaltspunkt. Wenig später entdeckten die Ermittler die Leiche.
Die Festnahme
Drei Tage später führte eine weitere Zeugenaussage die Beamten zum Täter. Am 30. September ging die Schwester von Stefan Z. in der Mittagszeit zur Polizei. Dort erzählt sie, ihr Bruder habe sich in der Nacht von Jennifers Verschwinden an der Shell-Tankstelle an der Rendsburger Straße aufgehalten. Der einschlägig vorbestrafte Verdächtige wurde daraufhin bei der Dekra aus einem Lehrgang herausgeholt. Am 1. Oktober wurde Haftbefehl erlassen. Der damals 37-Jährige bestritt von Anfang an die Tat.
Der Abschied
Am 29. September nahmen 350 Neumünsteraner an einem Trauergottesdienst für Jennifer Haack in der St. Vicelinkirche teil. Anschließend zogen sie in einem Schweigemarsch zum Fundort der Toten.
Jennifer wurde am 26. Oktober auf dem Alten Friedhof in Bergen auf Rügen mit einer bewegenden Trauerfeier beigesetzt. Ihre Lieblingslieder wurden gespielt. Die kleine Kapelle platzte aus allen Nähten. Viele Trauernde verfolgten die Beerdigung im Freien.
In Neumünster suchten die Menschen noch lange nach Trost und Antworten auf die unfassbare Tat. Immer wieder fanden sich Trauernde an der Stelle an der Rendsburger Straße ein, wo Jennifer Haack tot aufgefunden worden war. Ein liebevoll hergerichtetes Blumenmeer und Kerzen zeugten am Ort des Geschehens von der Anteilnahme der Bevölkerung. Mitarbeiter des Media-Marktes sammelten Stofftiere und andere Trauergaben ein und brachten sie nach Rügen in den Heimatort ihrer Auszubildenden, die so jung sterben musste.

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von Dörte Moritzen
erstellt am 19.Sep.2012 | 08:50 Uhr

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01. | shz.de Onlineredaktion | 19.09.2012 | 09:46 Uhr
Urteil

Hallo Marc,

alle Informationen zum Urteil findest Du auch in unserem Artikel "Ein Urteil in drei Anläufen", den wir unter dem Text verlinkt haben.

Beste Grüße,

Die Onlineredaktion

02. | Marc aus Neumünster | 19.09.2012 | 09:37 Uhr
Das Urteil

Lebenslange Freiheitsstrafe (mindestens 15 Jahre) und danach in Sicherungsverwahrung für Stefan Z.

Nach Angaben des psychologischen Gutachters hatte Z. sich aus Frust betrunken und dann ein Zufallsopfer gesucht. Dem als Kind selbst mißbrauchten Täter ging es nach Einschätzung des Psychologen bei der Tat um "ein Erfolgserlebnis durch Dominanz". Seine Freundin hatte ihn kurz zuvor vor die Tür gesetzt. Ein Flirt mit einer Ex-Freundin hatte auch nicht zum Erfolg geführt, und ein Kontakt zu einer Prostituierten war am Tatabend fehlgeschlagen. Der Gutachter stellte fest, Z. definiere sich über Erfolge bei Frauen und werde bei Kränkungen leicht gewalttätig.

"Ich bin traurig wegen Jennifer und zufrieden mit dem Urteil", sagte die Mutter von Jennifer leise nach der Urteilsverkündung.

Quelle: Abendblatt

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