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Holsteinischer Courier

10. Dezember 2016 | 02:24 Uhr

Gotteshäuser feiern Jubiläum : Vor 50 Jahren: Bauboom der Kirchen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Johanneskirche und die Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde entstanden in dieser Zeit. Viele Gläubige strömten zum Gottesdienst.

Neumünster | Neumünster in den 1960er-Jahren: Wirtschaftswunderzeit, Aufbruchsstimmung. Neue Stadtteile wachsen und Kirchen sollen Mittelpunkt sein. Ein Gotteshaus nach dem anderen entsteht, Gemeinden werden neu gegründet. Zwei davon feiern in diesem Herbst ihr 50. Jubiläum: die evangelische Johanneskirche in Wittorf und die Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde im Stadtteil Brachenfeld/Ruthenberg.

Brigitte Profé erinnert sich noch gut, wie sie damals mit ihrem Mann in Wittorf spazieren ging: „Als wir wussten, wo die Kirche hinkommt, war das regelmäßig unser Rundgang. Wir haben immer geguckt, wie weit der Bau schon fortgeschritten ist.“ Das war Mitte der 60er-Jahre. Am 4. September hatten diese Spaziergänge ein Ende. An dem Tag weihte Bischof Friedrich Hübner die Johanneskirche ein. Kommende Woche begeht die Kirchengemeinde das 50-jährige Jubiläum mit einem Gottesdienst am Sonntag, 4. September, um 10 Uhr.

Bevor es die Johanneskirche gab, feierten die Wittorfer Gottesdienste im Jugendheim an der Schule. Brigitte Profé erinnert sich daran, wie voll die immer waren. So wie viele andere neue Mitbürger zu jener Zeit, stammt sie aus Ostpreußen, kam als Flüchtling nach Neu-münster: „Und wir Flüchtlinge waren alle sehr gläubig. Da war auch ein tiefes Bedürfnis da, in die Kirche zu gehen. Nach all dem, was wir überstanden hatten.“

Die vielen Flüchtlinge waren ein Grund für die damalige Schleswig-Holsteinische Landeskirche, neue Kirchen zu bauen. Allein in Neumünster wuchs die Bevölkerung von rund 57  000 Einwohnern am Ende des Zweiten Weltkriegs auf mehr als 75  000 Menschen Anfang der 60er-Jahre. Ein Dokument aus dem Jahr 1951 bescheinigt dem Bundesland eine „unzureichende kirchliche Versorgung“. Man rechnete aus, dass allein in den Städten 160 Kirchen fehlen würden. Und so gründete sich im Sommer 1957 in Neumünster ein evangelisch-lutherischer Kirchbauverein für Schleswig-Holstein. Wenige Jahre später legte die Landeskirche ein sogenanntes Kapellenbauprogramm auf, mit dem Neubauten bezuschusst wurden. Die Martinskapelle in Husberg geht beispielsweise darauf zurück.

„Da herrschte eine regelrechte Euphorie“, weiß der Kieler Historiker Stephan Linck, der intensiv zur Nachkriegsgeschichte der evangelisch-lutherischen Kirche geforscht hat. „Man war der Meinung: Die Kirche gehört ins Dorf, und wo neue Stadtteile entstehen, da musste die Kirche präsent sein.“

Neumünster hatte bis dato nur die beiden Innenstadtkirchen Vicelin und Anschar. Nun konnte man förmlich zusehen, wie die Kirchtürme in den Himmel wuchsen. „Kirche sollte räumlich nah bei den Menschen sein: in fußläufiger Nähe ein Ort des Gebets, des Gottesdienstes und der christlichen Gemeinschaft“, erklärt Propst Stefan Block.

Eine Hoffnung war damals, dass mehr Kirchen gleichzeitig vollere Kirchen bedeuteten. Denn so müssten die Menschen keine langen Wege auf sich nehmen. Diese Hoffnungen schienen sich zunächst zu bewahrheiten. Auch in den Stadtteilen Ruthenberg und Brachenfeld blühte das kirchliche Leben. „Unsere Gruppen, die wurden immer mehr. Und wir haben so herrliche Feste gefeiert, von Kleinkindern über Konfirmanden bis zu den Senioren. Das war eine herrliche Sache“, sagt die Ehrenamtliche Barbara Dierks, und noch heute leuchten ihre Augen dabei. So entstand 1966 eine neue Kirchengemeinde, die sich zuerst „Brachenfeld-Haartkoppel“ nannte. Als dann die Kirche in der Tizianstraße fertig war, wählte man als neu-en Namen „Dietrich-Bonhoeffer“ aus. „Bis dahin haben wir auf dem Friedhof in der Kapelle Gottesdienst gefeiert – sogar Konfirmationen und Hochzeiten“, blickt Barbara Dierks zurück. Weil es so in den Augen der Zeitgenossen nicht weitergehen konnte, entschied man sich für ein Gemeindezentrum, darin enthalten die Kirche. Mit dieser Art Wohnzimmerkirche wollte man direkt in der Nachbarschaft aufgehen, Platz für Veranstaltungen und Gruppen aller Art bieten.

Barbara Dierks findet noch heute, dass dieses Konzept richtig war. Auch Propst Stefan Block ist dankbar, dass die Gemeinden, der Kirchengemeindeverband und der Kirchenkreis „gemeinsam in den zurückliegenden Jahrzehnten dafür gesorgt haben, dass Neumünsteraner Kirchen nicht nur in gutem baulichen Zustand, sondern auch vielfältig belebt sind.“

Auch wenn es angesichts zurückgehender Kirchenmitglieder skeptische Stimmen gibt und mancherorts Kirchen geschlossen werden müssen, ist der Propst für seine Stadt optimistisch: „In Zeiten der Mobilität brauchen wir beides: Citykirchenangebote und offene Kirchen für die Passanten in der Innenstadt, stadtteilorientierte Familienkirchen in den Stadtteilen für die Wohnbevölkerung.“

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erstellt am 28.Aug.2016 | 09:00 Uhr

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