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Holsteinischer Courier

03. Dezember 2016 | 10:42 Uhr

Erdogan und die Demokratie : Viele Türken in der Stadt haben Angst

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Nach dem Putschversuch ist die Stimmung zwischen Anhängern und Gegnern des türkischen Präsidenten Erdogan angespannt.

Neumünster | Ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ein Diktator, der die Menschenrechte in seinem Land einschränkt und die Demokratie in Europa bedroht? Oder ist er ein Vorbild, das versucht, in der Türkei wieder demokratische Strukturen zu entwickeln? Diese Frage spaltet drei Wochen nach dem gescheiterten Putschversuch auch die rund 4500 Türken in Neumünster. Während Erdogan hier in der Stadt viele Anhänger hat – rund 30 von ihnen demonstrierten am vergangenen Sonntag in Köln für ihn – befürchten seine Gegner Repressionen und haben teilweise Angst, öffentlich etwas gegen den Präsidenten zu sagen.

„Der Putschversuch war meiner Meinung nach inszeniert. Dafür gibt es ganz klare Hinweise. So stand die Liste mit den Personen, die festgenommen werden sollen, schon Stunden nach der Militärrevolte fest“, sagt ein türkischstämmiger Neumünsteraner, der nicht namentlich genannt werden möchte. Und er erklärt weiter: „Die Regierungspartei AKP beschäftigt sehr viele Menschen, die jeden Tag nichts anderes machen, als Propaganda für Erdogan in sozialen Netzwerken zu verbreiten.“ Dabei werde immer wieder gezielt gegen Europa und vor allem Deutschland gehetzt, sagt er und zeigt Internetseiten und SMS auf seinem Handy. „Die jungen Leute glauben das irgendwann und werden angestachelt. Die Stimmung ist daher aufgeladen. Das kann irgendwann auch hier zu Gewalt führen“, befürchtet er.

CDU-Ratsherr Refik Mor hingegen verteidigt das Vorgehen von Erdogan. Er wäre gerne mit zur Demonstration nach Köln gefahren. „Erdogan ist gewählter Staatspräsident, ob wir das wollen oder nicht“, sagt Mor. Er macht wie Erdogan den amerikanischen Geheimdienst CIA, die Nato und die EU für den Putschversuch verantwortlich. „An dem Tag sind 230 Menschen getötet und 2000 verletzt worden. Daran ist Deutschland mit Schuld, denn es schützt die Putschisten“, sagt Mor. Er fordert von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen. „Erdogan war gut, solange er für die westlichen Imperialmächte Ja gesagt hat. Seit er das nicht mehr tut, ist er dem Westen ein Dorn im Auge“, erklärt Mor und erinnert: „Erdogan hat viel für den kleinen Mann gemacht. Deshalb sind die Leute auch schon seit Wochen für ihn auf der Straße.“

Versöhnliche Worte schlägt Ibrahim Ortacer an, der Vorsitzende des Forums für Vielfalt sowie Sprecher der staatsnahen Ditib-Moschee und der türkischen Gemeinde in Neumünster. „Alle Türken sollten erkennen, dass Deutschland kein Feind der Türkei ist“, sagt er. Das beste Mittel dafür sei mehr politische Bildung. „Ich rate allen Jugendlichen, sich politisch zu engagieren, aber bitte in dem Land, in dem sie auch leben. Hier gibt es genügend demokratische Parteien aller Richtungen, in denen man auch etwas bewirken kann“, sagt Ortacer.

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erstellt am 07.Aug.2016 | 08:15 Uhr

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