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Holsteinischer Courier

09. Dezember 2016 | 08:51 Uhr

Integration : Top-Abschluss für den ersten Flüchtling

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Morteza Hosseini ist der erste erwachsene Flüchtling, der an der VHS den Schulabschluss schafft.

Neumünster | Marianne Harms, stellvertretende Leiterin der Volkshochschule, erinnert sich noch genau an die erste Begegnung  vor einem Jahr:  Das Vorgespräch  für den nächsten Kursus   war eigentlich schon vorbei,  als Morteza Hosseini  durchgeschwitzt und  außer Atem  radebrechend seinen Wunsch nach einem Schulabschluss vortrug. „Das wird hart“, sei es ihr damals durch den Kopf geschossen , aber auch dies: „Der will es!“

Sie sollte Recht behalten: Gestern erhielt Morteza Hosseini (24) als erster erwachsener Flüchtling überhaupt an der VHS die Urkunde über seinen bestandenen Schulabschluss (früher Hauptschule) überreicht. Ein Zeugnis,  das so manchem Nicht-Ausländer  zur Ehre gereichen würde: Sowohl in Mathe als auch  in Bio gab es jeweils eine glatte Eins. In Deutsch ein „befriedigend“ – nicht schlecht für einen,  der noch nicht einmal dreieinhalb  Jahre in Deutschland lebt. Mortezas Eltern flüchteten 1979 vor den Russen aus ihrer afghanischen Heimat in den Iran. Morteza wurde im Iran geboren, war dort aber wie seine Eltern   bestenfalls geduldet. Als Flüchtlingskind ohne  Status ging er zwar zeitweise in die Schule, durfte aber offiziell nicht arbeiten.  Mit Kellnern, Schneidern  und als Verkäufer hielt er sich über Wasser, bevor der Druck zu groß wurde und die Verwandtschaft  ihn sicherheitshalber ins Ausland schickte. Fünf Jahre  war der junge Afghane über die Türkei, Griechenland, Italien und Frankreich auf der Flucht,  saß drei Monate  als Illegaler in der Türkei im Gefängnis, bevor er nach Deutschland kam.

Von der Erstaufnahme am Haart wurde er nach  Henstedt-Ulzburg „verteilt“. Ein Freund habe ihm damals erzählt, dass man hier auch als Flüchtling  zur Schule gehen könne, erzählt Morteza. Tatsächlich wurde er in Norderstedt mehrere Monate unterrichtet – bis er 18 war,  die Schulpflicht endete und die Schule ihn wieder vor die Tür setzte. Ein „Willkommenskreis“ in Henstedt-Ulzburg  machte ihn mit der Chance  Volkshochschule  vertraut.  Peter Lange,  Realschullehrer im Ruhestand,  organisierte  Nachhilfeunterricht im Bekanntenkreis – tief beeindruckt vom unbändigen Bildungshunger des jungen Afghanen. Um sich den Unterricht an der VHS in Neumünster überhaupt leisten zu können, bekochte  Morteza  die Mitglieder des ehrenamtlichen Willkommenskreises mit iranischer Hausmannskost, inklusive Nachtisch  bei Gitarrenklängen und Gesang. Den Erlös der iranischen Abende investierte er  in die Fahrkarten zum  Schulkursus in Neumünster.

Auch Mortezas Deutschlehrer ist voll des Lobes über seinen Schüler: „Er  wollte es immer ganz genau wissen“, erinnert  sich Jürgen Schmuck. Der  pensionierte Lehrer, selbst über den  zweiten Bildungsweg  zu seinem Traumjob gekommen, war von dem jungen Afghanen so sehr beeindruckt, dass er ihm kostenlose Zusatzstunden gab, um ihn für  die Prüfungen fit zu machen.

Jetzt will Morteza Husseini gleich nachlegen und den nächsten Kursus belegen, der ihn für eine Ausbildung qualifizieren soll. Nun  muss eigentlich nur noch Deutschland mitspielen: „Ich weiß noch nicht, ob ich bleiben darf“, sagt Morteza in fast perfektem Deutsch.

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erstellt am 15.Jul.2016 | 10:00 Uhr

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