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Holsteinischer Courier

26. Juni 2016 | 06:39 Uhr

Rückbau von Atomkraftwerken : SWN wehren sich gegen Reaktor-Müll

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Deponie Wittorferfeld taugt laut Umweltministerium für die Lagerung des nicht-radioaktiven Abfalls der AKWs Brunsbüttel und Krümmel.

Neumünster | Die seit August 2014 geschlossene Mülldeponie in Wittorferfeld ist ein möglicher Ort zur Lagerung von nicht-radioaktivem Abfall, der beim Abriss der Atomkraftwerke (AKW) Brunsbüttel und Krümmel voraussichtlich ab dem Jahr 2020 anfällt. Das bestätigt Nicola Kabel, Sprecherin des Kieler Umwelt- und Energiewende-Ministeriums, auf Nachfrage des Holsteiniscen Couriers. Die Stadtwerke als Betreiber der Deponie wollen den Müll aber auf keinen Fall haben. „Wir sind nicht interessiert“, sagt SWN-Sprecher Nikolaus Schmidt.

Viele der stillgelegten Atomkraftwerke in Deutschland sollen in den kommenden Jahren abgerissen werden. Dabei stellt sich die Frage, wie stark dabei die Umwelt belastet wird. Und wo soll der strahlende Bauschutt entsorgt werden.

Der Rückbau der Atomkraftwerke in Schleswig-Holstein war im Dezember Thema im Landtag, wurde jedoch ohne Aussprache an den Wirtschafts- und den Umweltausschuss überwiesen. Grundlage der Debatte ist ein Bericht des Umwelt- und Energiewendeministeriums. Demnach fallen in Brunsbüttel etwa 300.000 Tonnen „nicht-wärmendes“ Abbruch-Material an. Aus Krümmel liegen noch keine Zahlen vor. Da das Kraftwerk aber etwas größer ist, wird mit entsprechend mehr Abfall gerechnet. Im Umwelt- und Energieministerium wird davon ausgegangen, dass 98 Prozent der Gesamtmasse davon gar nicht oder minimal radioaktiv ist und bedenkenlos auf Deponien in Schleswig-Holstein abgelagert, verbrannt oder recycelt werden kann. Dies betrifft beispielsweise Stahl, Beton, Lampen, Waschbecken oder Treppengeländer.

„Für die langfristige Lagerung der zur Beseitigung freigegebenen nicht-radioaktiven Stoffe kommen rein theoretisch alle geeigneten konventionellen Deponien in Frage, das sind in Schleswig-Holstein alle Anlagen der Deponieklassen I bis III“, sagt Nicola Kabel. Wittorferfeld hat die Klasse I, ist damit eine „Deponie für nicht gefährliche Abfälle mit sehr geringem organischem Anteil“.

Allerdings sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht die Rede von einzelnen Standorten, sagt Kabel. Es gehe vielmehr darum, sich mit den Kommunen und Verbänden abzustimmen, damit es in Schleswig-Holstein bei der Entsorgung der unbelasteten Abfälle keine Politik nach dem St. Florians-Prinzip gebe. „Hier sind wir in einem Diskussionsprozess“, so die Sprecherin. Thorben Pries, Büroleiter von Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras bestätigt: „Das Land hat die Stadt über den Abfall aus den AKW informiert.“

MBA-Geschäftsführer Norbert Bruhn-Lobin nahm Ende November an einer Sitzung zu dem Thema bei Umweltminister Dr. Robert Habeck in Kiel teil. Begeistert ist er nicht, sieht den Schwerpunkt an anderer Stelle: „Unser öffentlicher Auftrag ist, die Sicherheit der Versorgung mit Fernwärme und die Entsorgung der daraus anfallenden Schlacken zu gewährleisten.“ Diese Schlacken entstehen in der Müllverbrennung TEV, die ihren Brennstoff aus dem Restmüll der Städte Neumünster, Flensburg und Plön sowie der Kreise Nordfriesland und Rendsburg-Eckernförde bezieht. Sie gehen derzeit nach Damsdorf/Tensfeld und Lübeck.

Im vergangenen Jahr waren Pläne bekannt geworden, dass die Deponie Wittorferfeld doch noch einmal Richtung Süden erweitert werden könnte – allerdings laut Bruhn-Lobin auf keinen Fall für Reaktor-Schrott. „Die Frage einer neuen eigenen Deponie stellt sich nur, sollte der jetzige Deponieraum für die TEV-Schlacken knapp werden“, sagt der Geschäftsführer. SWN-Sprecher Nikolaus Schmidt betont, für eine neue Deponie müsse auch ein ganz neues Bauverfahren eingeleitet werden. Das ist derzeit nicht geplant. Schmidt: „Aber man weiß nie, wie sich die Politik letztlich entscheidet.“

 

Kommentar

Ein echtes Problem: Klar, nach dem Unglück von Fukushima hatten auch die größten Anhänger der Atomkraft plötzlich Angst vor Reaktor-Unfällen. Aber kein Land hat wie Deutschland so radikal beschlossen, alle AKW abzuschalten. In  Schleswig-Holstein mit seinen drei Meilern gab es keine Proteste, aber nach und nach zeigt sich, dass die Entscheidung nicht vom Ende her gedacht wurde. Das fängt mit der (offenen) Frage nach einem sicheren Ort für die Brennelemente an und hört bei fehlenden Leitungen zum Abtransport des Windstroms nicht auf. Selbst für nicht verstrahlte  Möbel aus Sozialräumen der AKW-Arbeiter wird das Land so schnell keine Deponie finden. Die Neumünsteraner werden nicht die letzten sein, die dankend ablehnen – nicht zuletzt, weil damit kein Geld zu verdienen ist. Das wird noch ein echtes Problem werden.

Thorsten Geil

 

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erstellt am 06.Jan.2016 | 18:06 Uhr

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