zur Navigation springen

Holsteinischer Courier

08. Dezember 2016 | 05:18 Uhr

25 Jahre Hilfe für Ukrainische Kinder : „Solange Gott mir Kraft gibt, helfe ich“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Heute vor 30 Jahren flog Reaktor 4 in Tschernobyl in die Luft: Seitdem hilft Ehepaar Seelig krebskranken ukrainischen Kindern als Herzensaufgabe

Neumünster | Eigentlich sollte es ein fröhlicher Ausflug auf die Flensburger Förde werden. Doch als Eberhardine und Peter Seelig am Nachmittag des 26. Aprils 1986 mit Enkel Hannes (4) auf dem Boot fuhren, kam mit einem Mal Unruhe auf. Dann rief auch noch die Tochter an: „In Russland ist ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen.“ „Man sollte sich bei Regen nicht mehr draußen aufhalten, nicht im Sand spielen, keine Milch trinken“, erinnert sich Eberhardine Seelig an die Wochen nach der Katastrophe. Es war die Zeit, als bei der damals 45-jährigen Berufsberaterin für behinderte und kranke Schüler die Gedanken kreisten: „Ich hatte als Mutter immer das Leid und die Angst der Mütter in der Ukraine mit ihren missgebildeten Kindern vor Augen.“

Fünf Jahre sollte es noch dauern. Der eiserne Vorhang fiel. 1991 wurde die Ukraine selbstständig. Im Winter 1992 reiste Eberhardine Seelig zum ersten Mal nach Kiew und besuchte die Kinder-Krebsklinik Ochmatdit. In Neumünster hatte die engagierte Baptistin mit Behinderten des Eiderheims Flintbek und Schülern der Alexander-von-Humboldt-Schule in der Kreuz-Kirchengemeinde zuvor die Teestube David gegründet und verfügte bereits über ein gutes Netzwerk an Kontakten zu potenziellen Helfern. Bis heute organisiert und leitet die 75-jährige Tasdorferin die integrative Jugendarbeit. „In der Ukraine war alles in einem erschreckenden Zustand. Mehr als zehn krebskranke Kinder fand ich jeweils in Räumen auf alten Betten und Sofas oder nur auf Matratzen auf dem Boden, die meisten ohne Bettwäsche. Es fehlte an allem.“ Eine Krankenversicherung ist damals wie heute ein Fremdwort. Ins Krankenhaus müssen die Patienten ihre Medikamente und ihr Essen selbst mitbringen.

Über Prof. Günther Schellong von der Kinderkrebsklinik Münster und den jüdischen Arzt Evgenij Livshits bekam Eberhardine Seelig weitere Kontakte, auch ihr Netzwerk in der ehemaligen Sowjet-Republik verdichtete sich. Eberhardine Seelig hatte ein Ziel: „Ich wollte wenigstens einigen, vor allem ärmeren Kindern im Alter von 6 bis 14 Jahren eine Reha in Deutschland ermöglichen.“ Ihr Kämpferherz und ihr beharrlicher Wille zeigten Erfolg. „Überall wo ich Hilfe anfragte, bekam ich sie auch. Ich konnte sogar Stadtpräsident Helmut Loose als Schirmherrn gewinnen.“ Sofort mit im Boot war auch ihr Ehemann Peter. Der heute 78-jährige Architekt half von Anfang an mit.

Als die ersten 25 krebskranken Kinder im Sommer 1991 mit dem Flieger in Berlin landeten, pochte das Herz von Eberhardine Seelig kräftig. Zwar hatte sie alles in Neumünster vorbereitet. Sie hatte Spenden in Höhe von 30  000 Mark gesammelt, bis heute rund 750  000 Euro. Sie hatte mit der Fröbelschule eine Unterkunft, mit dem FEK, Zahnärzten und unzähligen Helfern und Sponsoren eine beispiellose Infrastruktur für vier tolle Reha-Wochen aufgebaut, und doch: „Ich dachte wieder an die Mütter. Ich wollte sie nicht enttäuschen. Wer Angst hat, kann nicht handeln, aber ein wenig Angst ist auch gut, weil sie vorsichtig macht. Meine größte Angst war immer, dass hier ein Kind stirbt.“ Erlebt haben das die Seeligs zum Glück in Deutschland nie, aber nicht alle der mittlerweile 600 Kinder, die in Neumünster waren, wurden wieder gesund.

Beim Fall von Andreij kommen Eberhardine Seelig noch heute fast die Tränen. Mit 11 und 13 Jahren war der Junge hier zu Besuch. Mit 14 brach der Krebs wieder bei ihm aus. Eberhardine Seelig reiste mal wieder in die Ukraine. „Seine Mutter wollte es nicht wahr haben, dass ihr Sohn stirbt, hat ihm immer wieder von Heilung erzählt. Doch Andreij wusste, dass der Tod kommt. Er wendete sich von seiner Mutter ab. Ich habe ein Gebet geschrieben, dass beide noch versöhnt hat. Wenige Stunden später hat er für immer die Augen geschlossen.“

Mehr als 75 Mal war Eberhardine Seelig bisher in dem osteuropäischen Land, die Seeligs haben mittlerweile dort eine eigene Wohnung. „Und ich spreche ein wenig Russisch.“ Vor 10 Jahren gründete sie die ukrainische Kinderkrebshilfe. Dort sieht sie auch die Zukunft. „Wir wollen im Süden oder Osten des Landes eine Einrichtung gründen, damit die Kinder die Ukraine zur Reha nicht mehr verlassen müssen.“ Drei Anläufe scheiterten allerdings bisher. „Aber wir geben nicht auf, auch wenn die Lage momentan schwierig ist.“

Vom 29. Juli bis 26. August kommen nun zum 25. Mal 25 Kinder aus der Ukraine. Und Eberhardine Seelig ist wie am Anfang mit Eifer dabei: „Solange Gott mir Kraft gibt, helfe ich“, sagt sie.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 26.Apr.2016 | 08:15 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen