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20. Dezember 2014 | 20:23 Uhr

Kindergarten in Delingsdorf : Schlagzeilen um Keks-Kündigung

vom

"Kindergarten wirft Jungen raus - weil er Kekse dabei hatte". So lauten die Schlagzeilen über einen Stormaner Kindergarten. Der Bürgermeister verteidigt den Rauswurf.

Delingsdorf | Weil er Kekse in der Brotdose hatte - zuckerarmer Kindergarten wirft Jungen raus. In allen Medien ist am Mittwoch über diese Geschichte aus der Gemeinde Delingsdorf im Kreis Stormarn berichtet worden, bundesweit. Die Empörung ist groß. Weil seine Eltern ihm Butterkekse und Waffeln in die Brotdose gepackt haben, wurde der vierjährige Thore aus seiner Kita bei Hamburg verbannt.

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Den Kern der Wahrheit träfen die Schlagzeilen nicht, sagt Randolf Knudsen, Bürgermeister von Delingsdorf. "Der Keks war nicht der Grund für die Kündigung." Allerdings ist er sich nicht sicher, ob das noch irgendjemand hören möchte. Längst hat der Fall eine gewaltige Eigendynamik entwickelt. "Die Mitarbeiter des Kindergartens werden mittlerweile bedroht und als Öko-Faschisten bepöbelt."

Am 25. Januar kommt es zum Keks-Konflikt

Differenzen zwischen der Gemeinde und den Eltern von Thore gibt es bereits seit längerer Zeit. Karola und Christian Pries, beide berufstätig, prangern seit zwei Jahren vermeintliche Mängel in der Kindertagesstätte "Lütte Lüüd" an. "Meine Mutter hat Thore eines Tages mit klatschnassen Strümpfen und Stiefeln abgeholt, obwohl es Kleidung zum Wechseln gibt", sagt Christian Pries. Ein anderes Mal habe sich Thore beim unbeaufsichtigten Spielen auf dem Flur so stark an der Lippe verletzt, dass die Wunde nach Meinung eines Arztes eigentlich hätte genäht werden müssen. Die Verletzung sei von den Mitarbeiterinnen bagatellisiert worden.

Am 25. Januar kommt es dann zum Keks-Konflikt. Die Familie sei spät dran gewesen. "So habe ich Thore nur ein paar Butterkekse und eine Frischei-Waffel in seine Frühstücksdose gepackt", erzählt der Vater. Als der Sohn nach Hause zurückkehrt, liegt in der Dose noch immer der Inhalt und ein Zettel: "Bitte denken Sie daran, dass wir ein zuckerarmer Kindergarten sind." Christian Pries schreibt an den Kindergarten und bittet darum, "dass Thore nicht durch Nahrungsentzug bestraft werden sollte". Der Kindergarten antwortet, dass Thore wiederholt Kekse und Waffeln mitgebracht habe, was anderen Kindern nicht verborgen geblieben sei. Das habe symbolische Bedeutung und die Mitarbeiter seien zum Handeln gezwungen gewesen.

"Wir wurden als Querulanten dargestellt und gingen"

Der Streit eskaliert. Schließlich nimmt sich der Jugend-, Sport- und Kulturausschuss des Themas an. "Um die Persönlichkeitsrechte der Eltern zu schützen, war die Sitzung zu diesem Punkt natürlich nicht öffentlich", erklärt der Bürgermeister. Das habe er Karola und Christian Pries verdeutlicht. Die Eltern empfinden den Hinweis als Rauswurf. "Wir wurden als Querulanten dargestellt und gingen", sagt Christian Pries. Er kritisiert das Vorgehen des Bürgermeisters, der lautstark und aggressiv agiert habe. Darüber habe er sich bei der Kommunalaufsicht beschwert.

Fünf Tage später liegt die Kündigung des Kindergartenplatzes zum 25. März auf dem Tisch, "aus wichtigem Grund". Das Vertrauensverhältnis sei nachhaltig gestört, begründet das Amt Bargteheide-Land. Die Eltern sollten sich eine andere Einrichtung suchen.

"Wir wollten niemanden anschwärzen"

Ihr Widerspruch dagegen wird vom Amt zurückgewiesen, die Kündigung des privatrechtlichen Betreuungsvertrags könne nur auf dem ordentlichen Rechtsweg angefochten werden. "Unbequeme Eltern werden hier einfach abgeschmettert", sagt Großvater Manfred Pries. Sein Sohn habe nur auf Miss stände hingewiesen, die alle im Kindergarten gefährdeten: "Wir wollten niemanden anschwärzen." Die Eltern suchten deshalb die Öffentlichkeit. "Die Art wie hier Probleme gelöst werden, ist schon seltsam", beklagt Christian Pries. "Das Kindeswohl wurde überhaupt nicht berücksichtigt."

Tatsächlich nimmt das Kindeswohl im deutschen Recht eine zentrale Stellung ein. Darf der Streit von Erwachsenen auf dem Rücken eines Kindes ausgetragen werden? Wie muss sich der kleine Thore fühlen, wenn er nicht mehr mit seinen Freunden spielen darf? Wird das dem Kindeswohl gerecht?

"Die Basis einer guten Betreuung ist Vertrauen"

"Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, Experten der Kreisverwaltung hinzugezogen", sagt Bürgermeister Knudsen. Ihr Fazit sei gewesen, dass es dem Kindeswohl dienlicher sei, wenn Thore den Kindergarten verlasse. Der Bürgermeister: "Das Kind spürt den Konflikt, zumindest unter bewusst. Es spürt, dass seine Eltern diesen Kindergarten, in den es gehen soll, eigentlich ablehnen. Das schadet ihm mehr als ein Wechsel."

Mütter berichten unserer Zeitung, dass Thore zuletzt morgens auf dem Flur abgegeben worden sei - dabei werden die Kinder eigentlich von ihren Eltern in die Gruppe gebracht, dort begrüßt. Der Bürgermeister sagt: "Die Mitarbeiter des Kindergartens machen sich große Vorwürfe, dass es ihnen nicht gelungen ist, die Konflikte mit der Familie zu lösen. Aber Schuld daran tragen sie nicht." Manchmal gebe es nasse Socken, man könne die Kinder nicht in Watte packen. Und natürlich lege die Kita einen Schwerpunkt auf die Ernährung - aber es gehe nicht um Butterkekse. "Die Basis einer guten Betreuung ist Vertrauen. Und diese Basis ist hier nicht mehr gegeben." Es sei ein ungewöhnlicher Vorgang, einer Familie den Kita-Platz zu kündigen. Gerne habe man das nicht getan - und nun wolle man nach einer Lösung suchen.

Thore wird derzeit von seinen Großeltern betreut. Der Kreis hat der Familie zunächst zwei befristete Kita-Plätze als Sofortlösung angeboten. "Eine dritte und langfristige Variante ist in Arbeit", sagt Gerald Wunderlich vom Jugendamt Stormarn. Das Gespräch mit den Eltern solle dazu nach den Osterferien erfolgen.

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erstellt am 29.Mrz.2013 | 06:35 Uhr

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