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Holsteinischer Courier

04. Dezember 2016 | 15:20 Uhr

Rehe verwüsten Gärten in der Stadt

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Nach mehreren milden Wintern hat die Population der Tiere enorm zugenommen / Wildschäden werden auch mitten im Wohngebiet zum Problem

Fast jede Nacht bekommt Margareta Wydorski (65) aus Wittorf unliebsamen Besuch. Immer wieder finden Rehe den Weg in ihren Garten, knabbern Blumen und Gemüse ab und durchwühlen die Beete. Die Rentnerin wohnt keineswegs direkt am Stadtrand, sondern mitten im Wohngebiet umrahmt von weiteren Häusern. So wie ihr geht es vielen Gartenbesitzern in der Stadt zurzeit – und zwar in etlichen Stadtteilen, weiß Holger Meyer, zweiter Vorsitzender der Kreisjägerschaft.

„Ich wohne hier seit 13 Jahren. Wir hatten immer mal Rehe im Garten, aber so massiv wie in diesem Jahr war es noch nie“, erzählt Margareta Wydorski. Die regelrechte Plage begann irgendwann im März. Immer häufiger sprangen Rehe in den Garten, fraßen junge Pflänzchen ab. Jeden Morgen musste die Wittorferin auf den Beeten erst mal wieder Ordnung schaffen. Viele Pflanzen gingen ihr nach dem Kahlfraß ein.

Vor wenigen Nächten erst mussten der Phlox, der Kirschlorbeer, gerade erst sprießende Bohnen und Erbsen daran glauben. „Kartoffelpflanzen mögen die Rehe nicht so gern“, weiß die Wittorferin aus Erfahrung. Stattdessen laben sie sich auch mal an bunten Blüten.

Aber die nächtlichen Besuche, die manchmal auch schon am späten Nachmittag gegen 16.30 Uhr beginnen, haben noch einen weiteren Nachteil: Sie lassen die Hausbewohner immer wieder aus dem Schlaf hochschrecken. „Ein Reh springt manchmal mit Getöse gegen unsere Gartentür. Es hält die dunkle Tür wohl für einen Durchgang. Da falle ich fast aus dem Bett“, sagt Margareta Wydorski. Unschön sind auch die Hinterlassenschaften der Tiere, die sie immer wieder im Garten findet.

Dass die Rehe nach wie vor einen Weg in ihren Garten finden, ist erstaunlich. Denn Margareta Wydorski hat das Grundstück schon lange nahezu komplett mit einem zwei Meter hohen Zaun gegen die Tiere ausgestattet. Doch die zwängen sich durch jede Lücke oder springen an geeigneter Stelle hinüber. Und schon stehen sie wieder in dem großen Gemüsebeet der Wittorferin. „Tomaten und Zucchini lasse ich schon weg. Das mögen die Rehe zu gern“, sagt sie frustriert und zeigt auf die Spuren zwischen den restlichen Pflänzchen. Aufgeben möchte sie ihr Hobby aber keinesfalls. Deshalb wird Margareta Wydorski jetzt alle möglichen Durchschlupfstellen schließen und einen weiteren zwei Meter hohen Wildzaun direkt um den Gemüsegarten ziehen lassen. Rund 500 Euro wird der neue Schutz kosten.

Sie ist im Stadtteil nicht die einzige, die langsam an den Rehen verzweifelt. „Das ist hier überall Thema. Alle haben den gleichen Ärger“, sagt sie. In der Nachbarschaft rund um den Wührenbeksweg und in den Kleingärten werden auch Zäune gezogen.

„Die Anwohner haben eigentlich nur die Möglichkeit, sich durch Zäune zu schützen“, sagt Holger Meyer. Der Jagdexperte hört die Klagen von Anwohnern aus fast allen Stadtteilen. An der Kieler Straße, am Roschdohler Weg, in Gadeland in der Nähe der Stör, in Tungendorf, aber auch auf den Grundstücken rund um den Friedhof treiben die Tiere ihr Unwesen. „Jagdlich ist da leider nichts zu machen“, erklärt Meyer. In oder in der Nähe von bewohntem Gebiet können er und seine Kollegen aus Sicherheitsgründen nicht jagen. Lediglich spezielle Duftstoffe könnten zusätzlich zu Zäunen Abhilfe schaffen.

Und der Jäger bestätigt: „Die Population der Rehe hat enorm zugenommen.“ Grund dafür sind die milden Winter, die den Tieren optimale Bedingungen verschafften. Seit dem 1. Mai gehen die Jäger jetzt wieder auf Bockjagd. Und dabei treffen sie nicht nur auf viele, sondern auch auf besonders wohlgenährte Tiere. Dass die Rehe jetzt vermehrt in die Gärten kommen, liegt laut Meyer daran, dass die einjährigen Tiere sich zu diesem Zeitpunkt von der Mutter lösen und ein eigenes Revier suchen müssen. „Es ist viel Bewegung im Rehbestand. Sie suchen nach einem Lebensraum in den Gärten, wo sie zurzeit schmackhaft junge Knopsen und Blätter finden“, erklärt der Experte, der den Ärger der Gartenbesitzer gut verstehen kann.

Margareta Wydorski hat eigentlich nichts gegen Rehe, möchte ihnen aber auch nicht weiterhin ihren liebevoll gepflegten Garten überlassen. „Vielleicht sollte man sie betäuben und in die freie Natur bringen“, schlägt sie vor. Auf jeden Fall wird sie ihre neuen Geranien erst pflanzen, wenn der neue Zaun da ist. „Vorher traue ich mich nicht“, sagt sie. 

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erstellt am 17.Mai.2016 | 10:48 Uhr

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