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Holsteinischer Courier

24. Mai 2016 | 23:31 Uhr

Demos in Neumünster : Pfeifkonzert für Neonazis und eine falsche Todesmeldung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Neumünster treffen Neonazis und Gegendemonstranten aufeinander. Die Kundgebungen bleiben weitgehend friedlich – doch eine Falschmeldung über einen Toten sorgt für Unruhe.

Neumünster | Eine Anti-Flüchtlings-Kundgebung von 80 Neonazis ist am Samstag in Neumünster im Wesentlichen ruhig verlaufen. Obwohl sich 400 Gegendemonstranten rund um den Treffpunkt postiert hatten, gelang es starken Polizeikräften, die Gruppen weitestgehend zu trennen. Die Reden der Rechtsradikalen gingen zum Teil in Pfeifkonzerten unter. Nach der Kundgebung kam es im Stadtgebiet zu Rangeleien.

Vom Postparkplatz an der Friedrichstraße zogen zirka 300 Gegendemonstranten aus der linken Szene Richtung Böcklersiedlung. Dort begleiteten sie mit Pfiffen und lauten Rufen die Reden der Neonazis.
Vom Postparkplatz an der Friedrichstraße zogen zirka 300 Gegendemonstranten aus der linken Szene Richtung Böcklersiedlung. Dort begleiteten sie mit Pfiffen und lauten Rufen die Reden der Neonazis. Foto: ny
 

„Während der Kundgebung auf dem Kantplatz versuchten in erster Linie Teilnehmer aus der Klientel der Antifaschistischen Gruppen auf den Kantplatz zu gelangen“, berichtet Polizeisprecher Rainer Wetzel. Das verhinderte die Polizei allerdings durch Absperrung der Zufahrtstraßen mit Einsatzfahrzeugen und Einsatzkräften. „Es kam auch zu Auseinandersetzungen mit den Einsatzkräften.“ Insgesamt wurden diverse Platzverweise erteilt und es erfolgten eine Gewahrsamnahme wegen Sachbeschädigung und zwei wegen Landfriedensbruchs.

Rund 80 Rechtsradikale kamen auf dem Kantplatz zusammen, um gegen die Flüchtlingspolitik zu demonstrieren.
Rund 80 Rechtsradikale kamen auf dem Kantplatz zusammen, um gegen die Flüchtlingspolitik zu demonstrieren. Foto: sen

Falschmeldung sorgt für Polizeiermittlungen

Die Demonstrationen beider Seiten waren längst beendet, da hatten die Ermittler noch alle Hände voll zu tun. Schuld daran war eine Falschmeldung, die Vertreter der Neonazis in den sozialen Netzwerken verbreiteten: Angeblich war einer aus ihren Reihen in Neumünster erschlagen worden.

Am Sonnabendabend war unter anderem in der Facebookgruppe „Neumünster wehrt sich“, die zu der Kundgebung in der Böcklersiedlung eingeladen hatte, zu lesen: „Vermutlich musste ein junger Aktivist aus Rostock sein Leben lassen, als er auf dem Wege war, unserer Kundgebung beizuwohnen. Auf dem Gelände des Hauptbahnhofs in Neumünster wurde er heimtückisch von Kriminellen aus der Antifa-Szene niedergeknüppelt und erlag im FEK Neumünster seinen Kopfverletzungen.“ Bereits am frühen Nachmittag, während der Kundgebung auf dem Kantplatz, hatte der Hamburger Neonazi Thomas W. von einem angeblichen Übergriff am Bahnhof und einem Schwerverletzten berichtet.  

„Es liefen umfangreiche Ermittlungen der Polizei an. Es wurden alle Bahnhöfe in Neumünster abgesucht. Dabei wurden weder eine Person noch Spuren, die auf ein solches Geschehen hinwiesen, gefunden. Über das Friedrich-Ebert-Krankenhaus hinaus wurden landesweit alle Krankenhäuser über die Leitstellen der Polizei abgefragt. Nirgends war eine entsprechend verletze Person eingeliefert worden“, erklärte Wetzel. 

+++ Gerücht bei Facebook ++Das hier mehrfach benannte Gerücht über den angeblichen Tod eines Demonstrationsteilnehmers...

Posted by Polizei Neumünster und Rendsburg-Eckernförde on  Samstag, 16. Januar 2016

Am späten Abend ruderte die rechte Szene denn zurück. Der Münchner Stadtrat Karl Richter, der wenige Stunden zuvor selbst als Redner auf dem Kantplatz aufgetreten war, zog die angebliche Mordgeschichte als Falschmeldung zurück. Er erklärte, es gäbe „weder im Krankenhaus noch bei der Polizei eine Bestätigung für den angeblichen Todesfall eines von Linken überfallenen Kameraden“. Vielmehr sei „der Verursacher der falschen Todesmeldung identifiziert“ worden. Man bitte darum, die „Todesmeldung nicht weiter zu verbreiten. Sie ist vielmehr zurückzunehmen“, hieß es. Gelöscht wurde die falsche Mordgeschichte in den sozialen Medien aber dennoch nicht. Offenbar gehen die Spekulationen weiter.

„Die Ermittlungen der Polizei werden fortgeführt“, erklärte Polizeisprecher Rainer Wetzel. Immerhin hätte man in dem Dementi den Verursacher aus den eigenen Reihen nicht preis gegeben. 

Ähnlicher Fall in Oschersleben in Sachsen-Anhalt

Ob die falsche Mordgeschichte aus Neumünster mit einem ähnlichen Vorfall in Oschersleben (Sachsen-Anhalt) zusammenhängt, wo am selben Tag bei einer Auseinandersetzung zwischen rechten und linken Demonstranten am Bahnhof ein Mann schwer verletzt wurde, ist fraglich. Immerhin ereignete sich die Gewalttat in Sachsen-Anhalt laut Polizei erst gegen 16.45 Uhr. Da war die erste Kunde von einem angeblichen Überfall in Neumünster bereits mehr als zwei Stunden alt.

Die Polizei vermutet bei der Attacke in Oschersleben derweil einen linksextremistischen Hintergrund. In Magdeburg hatte es zuvor Demonstrationen aus Anlass des 71. Jahrestag der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg gegeben. Wie das Polizeirevier Börde am Sonntag mitteilte, waren am Samstag nach ersten Ermittlungen zehn Teilnehmer einer rechtsextremen Demonstration in Magdeburg mit dem Zug zurück nach Oschersleben gefahren, wo 20 bis 25 Vermummte auf sie warteten. Sechs konnten fliehen, vier im Alter von 25 bis 34 Jahren wurden unter anderem mit Eisenstangen und Baseballschlägern schwer verletzt. Ein 34-Jähriger erlitt Kopfverletzungen und wurde notoperiert.

 

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erstellt am 16.Jan.2016 | 17:10 Uhr

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