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Holsteinischer Courier

04. Dezember 2016 | 21:33 Uhr

Elly-Heuss-Knapp-Schule : Neue Berufschancen für Flüchtlinge

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Flüchtlinge erhalten an der Elly-Heuss-Knapp-Schule durch intensive Deutschstunden den qualifizierten Einstieg in Berufe des Gastgewerbes.

Neumünster | Häufig können Flüchtlinge ihre Ausbildungsberufe nicht abschließen, da es ihnen an fachlichen Deutschkenntnissen fehlt. In Neumünster wirkt die Einstiegsqualifikation (EQ) für Gastgewerbeberufe an der Elly-Heuss-Knapp-Schule dem Problem entgegen.

„Es sind bemühte, engagierte und lernfähige junge Menschen, aber Fachbegriffe erschweren es vielen, ihre Ausbildung zu beenden“, sagt Jörg Leppin, Schulleiter der Berufsschule. An dieser Stelle greift die EQ–Maßnahme ein. „Flüchtlinge können im Rahmen des Programms ihren ersten allgemeinbildenden Schulabschluss absolvieren und in sechs zusätzlichen Unterrichtsstunden die Woche, kontinuierlich Deutschkenntnisse verbessern“, erklärt Jörg Leppin. Die EQ-Maßnahme richtet sich jedoch an alle Schüler, Deutsche sowie Flüchtlinge, die Schwierigkeiten mit dem dualen Ausbildungsprogramm haben. Während eines Schuljahres können die Schüler an zwei Tagen der Woche in der Schule und an drei Tagen im Betrieb, Grundlagen für die Berufsausbildung erlernen. „Deutschkursus und Schulabschluss sind lediglich Zusatzangebote“, betont der Schulleiter.

Sieben Monate wurde das Programm zusammen mit der Industrie- und Handelskammer (IHK), dem Wirtschafts- und Bildungsministerium, dem Arbeitsamt und der Stadt entwickelt. Am 1. September startete es. Herbert Reinecke von der IHK betont: „Die Umsetzung solcher Projekte kann sonst bis zu acht Jahre dauern.“

13 unbegleitete Flüchtlinge nehmen an dem Projekt teil und sind in 10 Unternehmen verteilt. So auch im Parkhotel, in dem Ali Kadad (27) aus Syrien arbeitet. „Während der letzten elf Monate in Deutschland habe ich einen Integrationskursus und ein Praktikum gemacht. Nun kann ich weiter Karriere machen. Das ist mir sehr wichtig, weil ich in meiner Heimat sieben Jahre lang auch Kellner war“, erzählt er. Marlies Möller, Direktorin vom Parkhotel, ist zufrieden mit ihrem Schüler. „Ali ist persönlich zu mir gekommen und sagte, dass er unbedingt arbeiten möchte. Er war hartnäckig und hat sich beim Arbeitsamt darum gekümmert, dass er das Praktikum machen darf. Er hat in der Zeit nicht nur sprachlich sehr viel dazu gelernt“, berichtet sie. Auch Klaus Nehren von der Rathauskantine begleitet zwei Flüchtlinge auf ihrem Ausbildungsweg. „Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht, das sind aufmerksame und tolle Leute“, sagt der Geschäftsführer. Rainer Kuck, Leiter des Restaurants Kontraste ist jedoch nicht zufrieden. „In der Durchführung haben wir bisher noch sehr große Probleme mit der Arbeitsagentur“, sagt er. Die Bundesagentur für Arbeit trägt die gesamte Finanzierung des Projektes. „Natürlich sind das für alle Beteiligten völlig neue Hürden, wir haben noch keine Erfahrungswerte. Deshalb funktioniert noch nicht alles reibungslos. Alle sechs Wochen treffen wir uns, um stetig im Austausch zu bleiben und das Programm zu verbessern“, wendet Schulleiter Leppin ein.

Siaulhaq Sahil (17) ist vor 19 Monaten aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Er schätzt das Programm und sagt: „Wir haben tolle Lehrer hier. Vorher war ich an der Walther-Lehmkuhl-Schule, das war auch eine gute Schule, aber ich brauchte intensivere Unterstützung.“ Kirsten Pohl, Amtsvormund beim Jugendamt, bestätigt das Bedürfnis nach mehr Hilfe im Deutschunterricht: „Meine Jungs stolpern beim Lernen für die Berufsschule immer wieder über Fachbegriffe.“

Die jungen Männer erhalten mindestens 231 Euro monatlich, wovon sie jedoch 75 Prozent an das Jugendamt für die Kosten der Wohngruppen abgeben müssen. „Wenn sie später eine eigene Wohnung haben, bleibt netto nicht viel übrig. Nicht mal für einen Internetanschluss, dieser ist aber für das Erlenen der Sprache wichtig. Da muss es mehr Unterstützung geben“, fordert Kirsten Pohl. Die sprachliche Ausbildung werde aber vor allem beim Job und im Miteinander erlernt, betont Peter Rüppell, Klassenlehrer der EQ-Schüler. „Kürzlich kam ein Schüler zu mir und begrüßte mich mit ‚Moin, wie geit di dat?‘. Das lernt man nicht in der Schule. Es ist so wichtig, dass sie ständig Deutsch hören und sprechen, vieles lernt man im sozialen Umgang“, fügt er hinzu.

Dies setzen die Flüchtlinge während der gestrigen Auftaktveranstaltung direkt um. Sie unterhielten sich auch untereinander ausschließlich auf Deutsch.

 

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