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Holsteinischer Courier

07. Dezember 2016 | 15:35 Uhr

Pilger auf dem Jakobsweg : Mit Gottvertrauen und Hirschtalgsalbe

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

23 Neumünsteraner pilgerten mit Pastor Gerson Seiß 220 Kilometer auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela

Neumünster | Elf Tage lang war eine Gruppe aus Neumünster um den Vicelin-Pastor Gerson Seiß auf dem berühmten Jakobsweg nach Santiago de Compostela auf Pilgertour unterwegs. Die 24 Pilger sind heil zurück aus Spanien und berichten von bewegenden Erfahrungen.

„Ich hätte nach dem Courier-Bericht drei Reisen anbieten können. Pilgern liegt im Trend, ohne Frage“, sagt Pastor Seiß, der 2014 schon einmal die ganze Strecke von den Pyrenäen bis Santiago allein erwanderte. Das dauerte aber zu lang und war zu weit. Jetzt ging es darum, „nur“ die letzten 220 Kilometer von Ponferrada bis Santiago in Tagesetappen von etwa 20 Kilometern zu bewältigen – auch das immerhin bei Steigungen von bis zu 600 Höhenmetern am Tag bei 30 Grad ohne viel Schatten – eine Herausforderung. „Die älteren Semester hatten Walkingstöcke dabei. Das half sehr gut bergauf“, sagt Dieter Koepsell (76).

Für Harald Jahnecke (59) war es die erste Pilgertour, und er musste sich unterwegs einiger Sachen entledigen. Eine Faustformel für den Rucksack besagt, dass der nicht mehr als ein Zehntel des Körpergewichts wiegen sollte. „Ich hatte 14 Kilo, das war zu viel“, sagt Jahnecke.

Das frühe Aufstehen um 5.45 Uhr und der Start im Dunkeln bei Taschenlampenlicht und ohne Kaffee war für alle gewöhnungsbedürftig. „Man musste seinen Weg schon finden“, sagt Gerson Seiß. Markierungen durch gelbe Pfeile und die Jakobsmuschel als Pilgerweg-Emblem wiesen den in kleinen Gruppen startenden Pilgern den Weg. „Wir hatten immer ein Etappenziel und haben uns alle zwei Tage an der Kirche im entsprechenden Ort getroffen und über die Erlebnisse berichtet“, sagt Christine Haack (48): „Das war sehr bewegend und hat die Gruppe zusammen geschweißt. Es gab ein großes Potenzial an Vertrauen.“ Für Horst Rogge (50) war das ein generelles Gefühl. „Man musste sich keine Sorgen machen. Auch andere Pilgergruppen und die Einheimischen halfen, wo sie konnten“, sagt Rogge.

Dass es auf den letzten 100 Kilometern voller wurde und statt der Pilgerherbergen auch Turnhallen zum Übernachten geöffnet wurden, störte niemanden in der Gruppe. „Es gehört zum Konzept, dass man sich auf Vertrauen einlässt – Gott wird für mich sorgen“, sagt Pastor Seiß. Es habe sehr viel Fürsorge gegeben. Die Schnelleren haben für die Langsameren die Herberge gebucht. Seiß: „Das ist nun mal das Wesen des Pilgerns. Alles fügt sich.“

Rogge fielen beim Wandern Parallelen zum Alltag auf. „In kleinen Etappen ein Tagesziel erreichen, sich an kleinen Dingen erfreuen – das hat mein Lebensmotto verstärkt und mich bestätigt, wie ich jetzt lebe“, sagt er. „Miteinander unterwegs zu sein, sich anderen Menschen öffnen zu können, eingereiht in eine jahrhundertealte Pilgertradition, das bedeutet für mich eine spirituelle Erfahrung, wie sie sich im Alltag vermutlich eher selten einstellt“, sagt Gerson Seiß.

Zur „Glaubensfrage“ entwickelte sich, ob bei der täglichen Wäsche auch die Socken gewaschen werden sollten. Dieter Koepsell antwortet mit einem klaren Nein. Sein Rezept: „Nach dem Duschen abends die Füße mit Hirschtalgsalbe einreiben. Wer morgens die Füße duscht, hat mittags Blasen.“ Lohn der Tour war die Compostela-Urkunde für die Pilger. Christine Haack: „Meine ,Urkunde‘ ist eine Muschel vom Strand in Kap Finisterre.“

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erstellt am 03.Sep.2016 | 08:30 Uhr

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