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Holsteinischer Courier

26. März 2017 | 15:13 Uhr

Nuray Cesme : Mit der Aldi-Tüte musste sie zur Schule

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Nuray Cesme, ehemaliges Gastarbeiterkind in Neumünster, las aus ihrem Buch „Der Wille kann Berge versetzen“.

Neumünster | Ihr Erstlingswerk trägt den Namen „Der Wille kann Berge versetzen“ – und mit dem las sich Nuray Cesme (40) am Donnerstagabend in die Herzen von 70 Zuhörern, die zu dem Vortrag der Autorin ins Bildungszentrum Vicelinviertel an der Kieler Straße gekommen waren.

Nuray Cesme, die 1976 im türkischen Balikesir geboren wurde und in Neumünster aufwuchs, hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für ihre Eltern – stellvertretend für die erste Generation der türkischen Gastarbeiter in Deutschland. Diese hätten großen Mut bewiesen, in eine unbekannte Zukunft aufzubrechen, mit dem Willen, zu arbeiten und für ihre Kinder ein Leben in Freiheit und Selbstbestimmung zu schaffen.

Sie ist heute Abteilungsleiterin für Steuer- und Rechnungswesen eines internationalen Hamburger Unternehmens und schilderte besonders beeindruckend die Lebenssituation ihrer Familie in Neumünster. „Er war so glücklich und stolz“, erinnerte sie sich, als ihr türkischer Vater für 25-jährige Betriebszugehörigkeit bei der Nordfaser geehrt wurde. Nuray Cesme schilderte aber auch die Einfachheit ihrer Kindheit, wie die Familie es als Glück empfand, eine erste eigene Zwei-Zimmer-Wohnung mit Sperrgut-Möbeln und einer Duschkabine in der Küche zu haben. „Kerzen oder eine Stehlampe habe ich als Kind nie in der Wohnung gesehen“, las sie.

Ihre Erinnerung an den ersten Schultag an der weiterführenden Schule löste bei den Zuhörern schon fast Beklemmung aus. Mit einer Aldi-Tüte sei sie gekommen. Damit musste sie vor allen Schülern durch die Aula laufen und habe sich sehr geschämt, erzählte sie.

Fast zwei Stunden hörten die Gäste eine warmherzige, beeindruckende Schilderung gelungener Integration einer türkischen Familie. Dabei vergaß Nuray Cesme aber nicht, auch auf deren Schattenseiten zu verweisen. Durch die Offenheit ihres Vaters, sich der neuen Gesellschaft zu stellen, habe ihre Familie auch viele Freunde verloren. Es sei ein großes Glück für sie gewesen, dass sie als junge Frau allein nach Hamburg gehen durfte, um sich dort frei entwickeln zu können, sagte sie. Im letzten Kapitel „Wohin gehören wir?“ bekennt die Autorin: „Mein Herz schlägt für beide Länder, auf die ich stolz bin. Deutschland ist meine Heimat geworden.“ Deshalb ist ihre Konsequenz zwingend: „Wir haben gemeinsam das Land vorangebracht, wir haben eine gemeinsame Zukunft.“

Nuray Cesmes erster Roman ist ein leidenschaftliches Bekenntnis, sich den Besonderheiten anderer Menschen zu stellen und gemeinsam ein besseres Leben zu schaffen. Angesichts der aktuellen Ereignisse in der Türkei forderte die Autorin, „zu erhalten, was zusammengehört“.

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