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Holsteinischer Courier

02. Dezember 2016 | 21:17 Uhr

Ehemalige Holstenschüler : Mit dem Fahrrad 7000 Kilometer quer durch die USA

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die ehemaligen Holstenschüler Lena Schulz-Hildebrandt und Paul Drummen fuhren mit dem Fahrrad durch Amerika.

Neumünster | Beißende Hunde, Bären, pure Freiheit, endlose Straßen und ganz viel Zufriedenheit. Das und vieles mehr haben Lena Schulz-Hildebrandt (23) und Paul Drummen (23) erlebt, als sie eine unglaubliche Reise unternahmen: Sie sind mit dem Fahrrad einmal quer durch Amerika gefahren.

„Die Idee kam von Paul. Er wollte als Pause zwischen dem Bachelor- und dem Master-Studiengang günstig im Ausland reisen. Im Internet hat er die Begriffe ,Fahrradtour’ und ,Amerika’ eingegeben. Dort war die beliebteste Route der ,Trans America Bicycle Trail‘– der führt einmal quer durchs Land. Und den haben wir dann auch gemacht“, erzählt Lena.

Beide sind in Neumünster geboren. Paul wuchs in Boostedt auf, Lena in Gadeland. In der 7. Klasse auf der Holstenschule lernten sie sich kennen, und seit dreieinhalb Jahren sind sie ein Paar. Die Reise sahen sie auch als eine kleine Probe: „Wir waren wirklich 24 Stunden am Tag beieinander, was wir nicht gewohnt sind, da ich in Hamburg Ingenieurwissenschaften studiert habe und Lena Mathe und Sport auf Grundschullehramt in Flensburg. Wir haben uns durch die Reise noch besser kennen gelernt und wurden noch mehr zusammen geschweißt“, sagt Paul und lächelt Lena dabei an.

Die Vorbereitung dieser monströsen Tour quer durch einen Kontinent bestand lediglich darin, Ausrüstung zu beschaffen (13 Fahrradtaschen, Funktionskleidung, Zelt, Gaskocher), die Flüge zu buchen und die Strecke mit Hilfe von Landkarten zu erkunden. Da Pauls ganze Familie einen Hang zu leicht verrückten Abenteuer-Natur-Urlauben hat, waren viele Utensilien schon vorhanden.

Pauls Vater Volker Drummen sagt zu der Reise: „Ich finde das toll! Als ich in dem Alter war, reichte mein Horizont von Boostedt bis nach Kiel, und ich hätte mir so eine Reise nie zugetraut. Dabei ist es so wichtig, weltoffen zu sein und andere Lebensarten und Kulturen kennen zu lernen. Je früher desto besser.“

Die längste Strecke, die Lena und Paul vorher mit dem Fahrrad hinter sich gelassen haben, war von Göteburg nach Boostedt (etwa 500 Kilometer Radweg). Nun hatten sie 7000 Kilometer vor sich. „Als wir am 1. Mai in Washington losfuhren, waren wir nicht sonderlich gut trainiert. Anfangs haben wir um die 60 Kilometer am Tag geschafft und uns dann langsam auf die 130 Kilometer pro Tag hochgestrampelt“, erzählt Paul. Die erste Zeit tat ihnen alles weh, vor allem Oberschenkel, Knie und Po. Nach zwei bis drei Wochen hatten die Körper sich an die Belastung gewöhnt.

Ihre Körper veränderten sich durch die Reise. Paul nahm 15 Kilo ab, Lena 11 Kilo. Außerdem bekamen sie muskulösere Beine, Hornhaut an den Händen und einen knackigeren Hintern. So eine Reise durch elf Staaten mit dem Fahrrad ist nun mal kein Kinderspiel für den Körper. Doch Paul sagt: „Physisch kann das fast jeder machen. Der Kopf ist eher die Bremse als der Körper.“

Auf der Reise gab es auch einige Situationen, in denen sie sich nicht ganz sicher gefühlt haben. „Mir haben die starken Gewitter in Kansas und Colorado Angst gemacht. Oft gab es weit und breit keine Möglichkeit, sich unterzustellen. Das ist dann echt gefährlich“, sagt Lena. Und Paul meint: „Mich hat der Verkehr beunruhigt. Amerika ist nicht für Radfahrer gebaut, und teilweise war es echt knapp, wenn uns die Leute mit ihren riesigen Wohnmobilen überholt haben.“ Dazu kamen die Tiere, die ihren Weg kreuzten. Die beiden berichten von einem Straßenschild, auf dem stand: „Bären auf der Straße! Bleiben Sie im Fahrzeug!“ Das hilft Radfahrern nicht wirklich.

In Kentucky gibt es außerdem ein Hundeproblem: „Sehr viele Hunde fingen einfach an, unser Fahrrad zu jagen und versuchten, uns zu beißen. Manchmal vier auf einmal. Wir hatten das schon vorher im Internet gelesen. Einige Radler fahren genau aus diesem Grund einmal um Kentucky herum. Ich habe das Problem unterschätzt.“, sagt Paul.

Doch all das war die Reise mehr als wert, wie beide sagen: „Wir sind durch Steppen gefahren, tolle Wälder, an wunderschönen Flüssen vorbei, über beeindruckende Berge bis ans Meer. Wenn man 30 Kilometer bergauf gefahren ist, wurde man meistens auch mit einem tollen Ausblick und dem anschließenden Bergabfahren belohnt. Die unberührte Natur und die amerikanische Weite sind wirklich beeindruckend“, sagt Paul.

Der höchste Punkt der Reise lag bei 3517 Metern. Die Temperaturen gingen von 10 bis 42 Grad Celsius. „Wir hatten Handschuhe, Mütze und eine Badehose dabei und haben auch alles mal gebraucht“, erzählt Paul.

Was sagen die Familien und Freunde zu dem Urlaub? „Alle finden es spannend und toll. Die meisten sagen, dass sie das niemals selber machen würden, es aber cool finden“, erzählt Lena.

Übernachtet haben sie die meiste Zeit bei fremden Leuten, die im Internet ihre Wohnung mit Radfahrern teilen möchten. Dort bekamen sie eine warme Dusche, einen Schlafplatz und bis auf zwei Mal auch etwas zu essen. „Das hat uns sehr gut gefallen. Die Amerikaner sind wirklich hilfsbereite, offene, gastfreundliche und liebe Menschen. Es war uns natürlich auch wichtig, die Leute kennen zu lernen“, sagen die beiden.

Auf der Reise haben sie viel gelernt: „Die Organisation auf kleinstem Raum beherrschen wir jetzt. Außerdem wurde unser Klischee-Denken über ,den oberflächlichen und gierigen Amerikaner‘ komplett widerlegt. Die Amerikaner, die wir kennen gelernt haben, waren gute Menschen“, sagen beide.

Vermisst hat Lena deutsches Brot, selber zu kochen und gemütlich zu essen. Meistens aßen sie Instantnudeln, Dosenfutter und Brot. „Ich habe mich aber die ganze Reise über pudelwohl gefühlt“, sagt sie.

Am 9. Juli endete die Fahrradtour. Innerhalb von 70 Tagen haben die beiden es geschafft, einen ganzen Kontinent mit dem Fahrrad zu durchqueren. „Ich kann das immer noch nicht so ganz glauben“, sagt Lena. Nach der Reise fühlen sie sich stärker, freier, offener und gehen unbekümmerter auf Dinge zu. Nun sind sie wieder im Alltag angekommen und vermissen etwas ganz Bestimmtes, wie Paul erzählt: „Mir fehlt es, in den Tag hinein zu leben. Du überlegst dir dort nicht, was du die nächsten Tage für Termine hast oder was noch erledigt werden muss. Das ist sehr angenehm. Außerdem wurden Kleinigkeiten wie Betten, Essen, mal keinen Hügel vor sich zu haben oder Rückenwind zu Highlights für uns. Wir bekamen auch nicht mit, was in der Welt passierte. Wir waren in unserer eigenen, kleinen Welt, in der es darum ging, Amerika kennen zu lernen und bis zum Meer zu radeln.“

Beide würden eine solche Reise auf jeden Fall gern nochmal machen. „Dann vielleicht die Pazifikküste entlang oder eine Strecke in Neuseeland. Es ist einfach die beste Art zu reisen. Man ist zwar langsamer, aber es ist günstiger. Man reist vollkommen selbstbestimmt und frei, kann anhalten, wo Autos nicht halten können. Und man hat nie Langeweile“, sagt Lena.

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erstellt am 31.Aug.2016 | 09:00 Uhr

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