zur Navigation springen

Holsteinischer Courier

11. Dezember 2016 | 14:50 Uhr

Stadtentwicklung : Mehr Lauf über den Großflecken

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Sechs Monate nach dem Start der Holsten-Galerie ist die Kritik leiser geworden. Der Ruf nach begleitender Planung wird dafür lauter

Neumünster | An Warnungen hatte es nicht gefehlt: Kommt das Einkaufscenter in der Innenstadt, blutet der Großflecken aus. Der Konsumtempel werde die Läden ringsum platt machen, zu einer Verödung der Innenstadt führen, warnten seinerzeit nicht nur Politiker, sondern auch viele Einzelhändler, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlten. Sechs Monate nach dem Start der Galerie ist davon nur noch wenig zu spüren, wie eine kleine Umfrage des Couriers ergeben hat. Es überwiegt vorsichtiger Optimismus, dass Holsten-Galerie und die anderen Geschäfte sehr wohl nebeneinander existieren können, sich im Idealfall sogar befruchten können. Vielfacher Tenor aus der Geschäftswelt: „Der Lauf über den Großflecken“ habe spürbar zugenommen.

„Die Galerie ist ein Gewinn für Neumünster“, meint etwa Lutz Kirschberger, Leiter der IHK Neumünster. Sie habe der Stadt neue Käufer aus dem Umland beschert, und die Auswirkungen auf den Großflecken seien lange nicht so dramatisch wie befürchtet, zieht der Handelsprofi nach einen halben Jahr Zwischenbilanz. Dass der Großflecken profitiere, sei sicherlich auch dem Fortbestand von Karstadt zu danken. Unter dem Strich hätten DOC und Galerie aber Neumünsters Image als Einkaufsstadt deutlich gestärkt. Das sei für sich schon ein gewichtiger Aspekt, der Kaufkraft in die Stadt lenke, sagte Kirschberger.

Allerdings mahnt er, jetzt auch die Randbereiche rund um den Großflecken im Auge zu behalten. Der IHK-Mann fordert ein „aktives Flächenmanagement“, das negative Entwicklungen bei den Geschäftslagen rechtzeitig aufspürt und gegensteuert. Anlass zur Sorge gibt ihm etwa die Lütjenstraße.

Diese Einschätzung teilt Matthias Neumann, Vorsitzender von Stadtmarketing Neumünster und Inhaber der Stadt-Apotheke: „Der Großflecken hat einen größeren Lauf. Seit Eröffnung der Holsten-Galerie bewegen sich wieder mehr Menschen über den Großflecken.“ Wie Kirschberger warnt aber auch Neumann davor, den positiven Ansatz leichtfertig zu verspielen. So dürfe etwa der geplante Umbau des Großfleckens nicht dazu führen, dass Geschäfte monatelang durch Baustellen belastet werden, sagt der Apotheker: „Das ist eine Operation am offenen Herzen, und die Herzschläge dürfen nicht unterbrochen werden!“

Klaus Ruser, Inhaber von Photo Ruser in der Lütjenstraße, freut sich, dass sich die Lücken am Großflecken offenbar schneller schließen als vermutet. Das sei immerhin ein gutes Zeichen, sagt der Einzelhändler. Dennoch macht ihm die Entwicklung auch in seiner Straße Sorgen: „Der Kleinflecken ist nett gestaltet, aber für den Einzelhandel offenbar nicht geschaffen.“ Von dem einst angepeilten Rundlauf Holsten-Galerie – Großflecken – Lütjenstraße – Kleinflecken – Holsten-Galerie sei die Stadt leider noch weit entfernt.

Auch Gerd Grümmer, Chef des Einzelhandelsverbandes der Stadt, verweist auf die völlig veränderten Laufwege der Kunden durch die Innenstadt: In der Lütjenstraße gebe es in manchen Geschäften bei der Kundenfrequenz Einbrüche von bis zu 40 Prozent. „Wenn die Stadt die Lütjenstraße als Einkaufsstraße erhalten will, muss sich dringend etwas tun“ sagt Grümmer.

STANDPUNKT

Auch wenn der Umbruch noch lange nicht abgeschlossen ist,  die erste Bilanz nach einem halben Jahr Holsten-Galerie fällt doch erstaunlich positiv aus. Von den Unkenrufen, dass der neue Einkaufstempel zwischen Bahnhof und Gänsemarkt den Tod des Großfleckens bedeutet, ist nicht mehr viel zu hören. Zwar hat die Galerie auf dem Großflecken einige Lücken gerissen, die schließen sich aber  zum Erstaunen auch vieler Insider schneller als  erwartet. Wohl auch begünstigt durch die überraschende Wiederbelebung von Karstadt. Aber auch, weil die Holsten-Galerie  tatsächlich mehr Kundschaft nach Neumünster zieht.  Also alles  gut? – Keineswegs. Stadt, Handel und Planer  tun gut daran, die Entwicklung weiter aufmerksam zu verfolgen, und nicht dem Fehler zu verfallen, den weiteren Lauf der Dinge jetzt einfach sich selbst oder „dem Markt“ zu überlassen. Um die zarte Symbiose von Innenstadthandel und Galerie zu festigen,  sind noch viele schwere Schritte notwendig: Der Großflecken muss attraktiver werden, aber die dazu notwendigen Baustellen dürfen den Handel  nicht ersticken. Der Kleinflecken ist hübsch gestaltet, aber für den Einzelhandel mehr denn je eine tote Ecke, mit gefährlichen  Auswirkungen für die Lütjenstraße.  Wo bleibt das Leerstandsmanagement, das  solche brandgefährlichen Entwicklungen rechtzeitig aufdeckt und gegensteuert?  Und, ja,  auch die Vermieter sind gefragt:  Sie müssen von Mondpreisen runter, die in der Innenstadt  für Läden nicht mehr tragbar sind. Der Handel hat sich gewandelt, aber das liegt am Internet – nicht an der Galerie.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 19.Apr.2016 | 08:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen