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Holsteinischer Courier

06. Dezember 2016 | 11:15 Uhr

Anscharkirche : Lehrreiche Blicke auf die Nachkriegszeit

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Eine Ausstellung in der Anscharkirche zeigt den Umgang der Landeskirchen Nordelbiens mit der NS-Vergangenheit.

Neumünster | „Wie war das mit der Schuld?“, „Was wäre passiert, wenn...?“, „Was geht uns das heute an?“ – Tiefgreifende Fragen wurden am Sonnabend in der Anscharkirche gestellt. 60 Gäste begrüßte Pastor Stefan Bemmé zur Eröffnung der Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945? – Wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“. Aufgebaut im gesamten Kirchenraum, widmet sich die umfangreiche Bilder- und Textdokumentation der Bedeutung der NS-Zeit und ihr Fortwirken bis heute.

Pastor Bemmé näherte sich dem Thema in seiner Begrüßungsrede biografisch. 1961 in Hamburg geboren, erfuhr Bemmé in seiner Kindheit wenig über die Nazi-Zeit. „Die Erwachsenen haben nicht mit uns geredet. Mein Vater zeigte sich auf Fotos als stolzer Soldat, nach dem Krieg hat er sich geschämt und entwickelte eine Distanz zu sich selbst. Diese Distanz wurde an uns weitergegeben. Wie war das mit der Schuld?“, fragte Bemmé. Die Kirche habe sich in der Nachkriegszeit um die Sorgen der Menschen gekümmert, nicht aber um die Vergangenheit.

„Genau das will die Ausstellung der Nordkirche tun“, sagte der nächste Redner, Propst Stefan Block. Die sechs Themenfelder der Ausstellung geben Einsichten in die Haltung der Landeskirchen Nordelbiens während der 40er-, 50er- und 60er- Jahre. „Wir wollen nicht über unsere Eltern richten“, sagte der Propst. „Wir müssen uns bewusst machen, dass unserer Enkel angesichts der heutigen Kriege Fragen an uns stellen werden“, sagte Stefan Block.

„Wie verhalten wir uns heute? Der genaue Blick auf die Nachkriegszeit kann helfen.“ Davon ist Professorin Stefanie Endlich überzeugt. Als dritte Rednerin verwies die Mitgestalterin der Ausstellung auf die Parallelen zwischen damals und heute. Eine „Schlussstrich-Mentalität“, wie es sie nach dem Krieg gegeben habe, mache sich in manchen Teilen der Bevölkerung breit. „Antisemitismus wird wieder öffentlich geäußert und könnte mit der AFD Einzug in die Politik halten“, warnte die Berlinerin und fragte weiter: „Wie ist unser Verhältnis zu Krieg und Nato-Einsätzen heute? Um die Friedensbewegung ist es sehr still geworden“, sagte Professorin Stefanie Endlich. Die Haltung der Menschen in einer konkreten Situation sei ausschlaggebend, und dafür bedürfe es eines kritischen Blickes – auch in die Vergangenheit.

Nach der Begrüßung führte Dr. Stephan Linck, auf dessen Forschungen die Wanderausstellung beruht, kenntnisreich und mit großer Leidenschaft durch die sechs Themenfelder.

Die Ausstellung „Neue Anfänge nach 1945?“ ist bis zum 18. Oktober zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonnabends von 10 bis 18 Uhr, sonntags nach dem Gottesdienst bis 13 Uhr, eine Einführung ist nach Absprache möglich.


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erstellt am 04.Okt.2016 | 09:00 Uhr

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