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Mühbrook : Keine Tafel für Opfer des Todesmarsches

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Zum dritten Mal sagte die Gemeindevertretung “Nein“.

Mühbrook | Die Gemeinde Mühbrook möchte auch nach dem dritten Anlauf keine Gedenktafel. Bei der öffentlichen Abstimmung der Gemeindevertreter am Mittwochabend gab es ein Patt von vier zu vier Stimmen mit einer Stimme Enthaltung. Erst im Februar hatte Bürgermeister Wulf Klüver eine geheime Abstimmung abgehalten und damit gegen die Gemeindeordnung verstoßen. Mit der Entscheidung bei der Sitzung am Mittwoch ist der Antrag des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes (SHHB) nun endgültig abgelehnt, in Mühbrook eine Tafel aufzustellen, die an die Ermordung von zwei Menschen durch Nationalsozialisten 1945 im Dorf erinnert hätte.

„Es verschlägt einem die Sprache“, sagte Heinrich Kautzky nach der Sitzung verständnislos. Der Vertreter des SHHB plädierte während der Sitzung für das Aufstellen der Tafel. „Was sind das eigentlich für Befindlichkeiten, die es der Gemeinde so schwer machen, sich gegen das Aufstellen einer 30 Zentimeter mal 30 Zentimeter großen Tafel zu wehren?“, fragte Kautzky. Der Kieler erforscht die Geschichte der Chaussee Altona-Kiel und setzt sich in diesem Zusammenhang auch mit dem Todesmarsch auseinander, bei dem Nationalsozialisten Insassen des Konzentrationslagers Hamburg-Fuhlsbüttel 1945 nach Kiel-Hassee zum sogenannten Arbeitserziehungslager Nordmark getrieben haben. Auf dem Marsch starben viele Menschen. Überlebt hat ihn Leonhard Zimmak, der damals 38 Jahre alt war. Sein Sohn Fred Zimmak war bei der Mühbrooker Entscheidung am Mittwochabend dabei und war betrübt: „Ich bin sehr enttäuscht. Mein Vater hat schlimme Misshandlungen erlitten. Es wäre wichtig gewesen zur Aufklärung und Erinnerung, auch für die Jugend.“ Der ehemalige Stockholmer lebt bei Flensburg.

Einer der vier, die sich gegen die Tafel ausgesprochen haben, ist Bürgermeister Wulf Klüver. „Wir brauchen keine plakative Erinnerung. Wir haben einen Gedenkstein, der an die Toten des Krieges erinnert. Außerdem kann man auf unserer Homepage im Internet auf eine historische Arbeit zu dem Ereignis zugreifen“, begründete er seine Haltung.

Heinrich Kautzky hat Kontakt zu Überlebenden des Marsches und Angehörigen aufgenommen. Er kann die Ablehnung nicht verstehen: „Was soll ich zum Beispiel einer alten Dame, die bei dem Marsch dabei war und nun in den USA lebt, eigentlich sagen, ohne vor Scham in den Boden zu versinken?“

Mühbrook ist die einzige von sechs Stationen auf der Route des Todesmarschs, die kein Interesse hat, eine Tafel aufzustellen. In Einfeld, Wittorferfeld, Kisdorferfeld, Kaltenkirchen und Bad Bramstedt stehen Tafeln, oder sie werden noch errichtet. Am 15. April 1945 wurden Christian Berg und Greorgi Makarow in Mühbrook von einem NS-Wachtrupp erschossen. Zum ersten Mal hat die Gemeinde im Jahr 2002 auf
eigenen Vorschlag über das Thema debattiert. Auch
damals war da Votum abschlägig. 

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