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Holsteinischer Courier

08. Dezember 2016 | 01:24 Uhr

Zeitung in der Schule : Junge Flüchtlinge an unserer Schule

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Elly-Heuss-Knapp-Schüler suchten während des Projektes „Zeitung in der Schule“ Kontakt zu jungen Flüchtlingen und befragten sie.

Neumünster | An unserer Schule, der Elly-Heuss-Knapp-Schule (EHKS), fällt die zunehmende Anzahl von jugendlichen Flüchtlingen sehr auf. Man hört unterschiedliche Sprachen und sieht viele neue Gesichter. Deshalb haben wir uns während des Projektes „Zeitung in der Schule“ (Zisch) an dieses Thema herangewagt, mit Mitschülern aus den fernen Ländern gesprochen und darüber geschrieben:

Auf jeden Fall kann man sagen, dass „die Neuen“ sehr höflich und freundlich rüberkommen. Sonderlich viel ist uns allerdings über die Einzelschicksale der Flüchtlinge hier an der Schule nicht bekannt. Wir haben läuten hören, dass die meisten aus Kriegsgebieten zu uns nach Deutschland gekommen sind, um hier Schutz zu suchen.

Auf jeden Fall finden wir es gut, dass die Flüchtlinge hier auf der Schule sind, aber es wird von der Schule nicht so gut umgesetzt, die Integration bzw. das Kennenlernen untereinander wird nicht gefördert. Die Flüchtlings-Klassen machen alle Veranstaltungen für sich, der einzige Berührungspunkt, den wir bislang hatten, waren die nachfolgenden Interviews:

Während des Interviews erzählte Azi, dass die Jahre, welche er in Afghanistan verlebte, alles andere als schön gewesen waren. Im Grunde sagte er, dass es in seinem Leben keinen guten Tag gegeben habe, da das Dorf, in dem er lebte, regelmäßig Besuch von den Taliban bekam.

Azi durfte nicht zur Schule gehen. Stattdessen sollte er im Koran lesen und wurde mit Prügel bestraft, wenn er gewisse Inhalte nicht verstand oder hinterfragte. Zudem erwarteten die Taliban, dass sich junge Leute wie Azi Bombengürtel um ihre Hüften schnallten, um diese inmitten belebter Plätze zu zünden. Des Weiteren gab Azi darüber Auskunft, dass er in ein Erdloch hinab gelassen wurde. In diesem musste er drei Tage lang ohne Wasser und Nahrung ausharren. Außerdem wurden seine Hände und Füße mit einem Holzbrett malträtiert. Azi hat noch heute Schwierigkeiten beim Laufen.

Er ist sehr glücklich darüber, in Deutschland angekommen zu sein. Menschen wie er würden für dieses Land durchaus eine Bereicherung darstellen. Azi hat vor, sich in Deutschland eine Zukunft aufzubauen. Nach Afghanistan möchte er nicht zurück, was kaum verwundern dürfte. Gegenwärtig besucht Azi die Elly-Heuss-Knapp-Schule und absolviert ein Praktikum als Koch. In seiner Freizeit besucht er das Schwimmbad oder geht mit einem Freund Döner essen und Cola trinken.

Viele Leute, die in einer funktionierenden Industrienation wie Deutschland aufgewachsen sind, können sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur schwer vorstellen, wie es ist, Opfer von derartigen Misshandlungen zu werden. Das, was für uns selbstverständlich ist – zum Beispiel einen Döner essen oder eine Pizza bestellen – ist für Personen wie Azi der pure Luxus. Für uns sind solche Dinge ebenfalls Luxus, doch nehmen wir sie nicht als solche wahr, weil wir damit groß geworden sind.

Demjad ist ein sehr netter junger Mann, er kommt aus Syrien, ist 20 Jahre alt und ist alleine nach Deutschland geflüchtet. Demjad ist in Deutschland seit acht Monaten, er ist über viele Länder gereist. Es sei eine sehr lange Reise gewesen, sagte er. Er hat seine Familie in der Türkei verlassen und ist über Griechenland, Serbien, Ungarn und die Schweiz gereist. Demjad erzählte, wie er geflohen ist: Auf der Reise ist er hauptsächlich zu Fuß gegangen, und die Reise hat einen Monat und vier Tage gedauert. Sie hat ungefähr 6000 Euro gekostet.

Demjad ist von Syrien geflüchtet wegen des Krieges, er hat seine Arbeit verloren, sein Haus und ganz viele Freunde und Verwandte. In der Türkei und in Ungarn wurde er für ein paar Tage festgenommen, dort wurde er geschlagen und schlimm behandelt. Sein Bein ist immer noch verletzt.

Er hat Deutschland gewählt, weil er vieles über Zukunftsmöglichkeiten hier gehört hat und dass er hier etwas Neues anfangen kann. In Syrien hatte er als Elektriker gearbeitet. Er besucht zurzeit die Elly-Heuss-Knapp-Schule und macht einen Sprachkursus, danach hat er den Plan, weiter als Elektriker zu arbeiten. Demjad ist sportlich, er geht gerne angeln und schwimmen. Er will in Deutschland bleiben, lernen und arbeiten. Demjad möchte eine schöne und ruhige Zukunft erleben, ohne Krieg mit Freiheit und Frieden.

Wir denken, dass wir die Verantwortung für eine erfolgreiche Integration nicht allein auf den Schultern der jungen Flüchtlinge ruhen lassen sollten. Jeder, Lehrer, Schüler, ganz gleich welcher Nationalität, und auch Flüchtlinge müssen ihren Teil zu einem modernen Miteinander beitragen. Die Lehrer an der Schule stehen zum Teil in der Verantwortung Schüler aus unterschiedlichen Ländern zusammen zu bringen, damit das soziale Eis in einem sicheren Umfeld gebrochen werden kann. Erfolgt dies nicht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die erste Antipathie aufkommt. Außerdem sollten die Lehrer dafür sorgen, dass Menschen, die auf Dauer in Deutschland bleiben möchten, so schnell wie möglich die hiesige Sprache lernen.

Die einheimischen Schüler der EHKS haben die Aufgabe, die Schüler aus anderen Ländern willkommen zu heißen. Zudem wäre es sinnvoll, gemeinsame Interessen – Fußball-AG, Theater-AG, Schachclub etc. zu finden, wo ein Austausch der Kulturen stattfinden kann. Vermutlich kann die Sprache auf diesem Wege viel besser erlernt werden.

Die Schüler, welche aus anderen Ländern geflohen sind, um sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen, haben ebenfalls Pflichten. Mit dem Besuch der Schule haben sie bereits eine erfüllt. Außerdem scheinen sie den Wunsch zu äußern, mit Deutschen in Kontakt treten zu wollen, was sich anscheinend als recht schwierig gestaltet. Dies könnte unter anderem daran liegen, dass man als Deutscher ständig mit Negativschlagzeilen über Flüchtlinge konfrontiert wird und dadurch unterbewusst Distanz wahrt. Ziel sollte sein, dass wir miteinander in Frieden leben können, die Chance auf freie Entfaltung haben und uns nicht eingeschränkt fühlen.

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erstellt am 29.Jun.2016 | 06:00 Uhr

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