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Holsteinischer Courier

10. Dezember 2016 | 19:33 Uhr

Modellprojekt : Junge Behinderte gehen in die „Wohnschule“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Lichtblick-Verein für mehrfach Behinderte: Junge Erwachsene testen den Auszug aus dem Elternhaus.

Neumünster | Wenn behinderte Kinder erwachsen werden, ist für sie ein Auszug aus dem Elternhaus nicht so einfach wie für ihre gesunden Altersgenossen. Können sie allein leben, sich – soweit wie möglich – selbstständig in ihrer Wohnung versorgen, den Haushalt führen? Mit der „Wohnschule“ hebt jetzt der Elternverein Lichtblick für körper- und mehrfachbehinderte Menschen ein Modellprojekt für Neumünster aus der Taufe, bei dem junge Behinderte lernen sollen, wie sie in eigenen vier Wänden zurecht kommen. Finanziell ermöglicht wird es durch die Aktion Mensch.

„Unsere Jugendgruppe ist auf uns zugekommen, unsere Kinder kommen jetzt in dieses Alter, erleben, wie der Auszug für ihre Geschwister ohne Behinderung ein Selbstgänger ist“, sagt Lichtblick-Vorsitzende Kersten Andresen. Denn diese jungen Menschen brauchen mehr Begleitung und Assistenz, und sie sollen im Rahmen des Projektes auch herausfinden, welche Wohnformen für sie passen. „Es gibt keinen Raum zum Üben in Neumünster“, sagt Kersten Andresen. Mit ihren Mitstreitern, Klaus Exner, Leiter des Familienunterstützenden Dienstes des Vereins, Doris Schönhoff (Verwaltung), Anja Härtel (Betreuung) und Heilerziehungspflegerin Rabea Möller wurde ein Konzept erarbeitet.

Das Projekt läuft über drei Jahre, der erste Kursus startet im Januar. Er dauert ein halbes Jahr, die vier bis sechs Teilnehmer im Alter von 17 bis 35 Jahren treffen sich ein- bis zweimal pro Woche. Sie üben Alltagshandgriffe: Wäsche, Haushalt, Kochen, Banktermine, Behördengänge, aber auch das Verhalten in Notfallsituation.

Zurückgegriffen wird dabei auf das Netzwerk mit etwa 130 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die bereits beim Familienunterstützenden Dienst die Kinder betreuen – pro Monat werden bisher über 1000 Betreuungsstunden geleistet, sagt Exner. Dabei steht vor allem die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben im Vordergrund – Begleitung zur Disko, zum Bowlen, ins Kino oder bei Ausflügen.

Die Aktion Mensch finanziert mit 173000 Euro 70 Prozent der Gesamtkosten von etwa 206000 Euro des Projektes, das drei Jahre läuft. Der Verein muss einen Eigenanteil von 62000 Euro aufbringen. Das wuppe der Verein nicht so ohne Weiteres, sondern sei auf Spenden angewiesen, so Kersten Andresen. Die erste Spende in Höhe von 3000 Euro kam gestern von der R.SH-Stiftung – „Carsten Köthe hilft helfen“ . Die Kosten betragen pro Kopf etwa 450 Euro pro Monat. „Wie die Eltern das finanzieren, ist unterschiedlich, denn die Einen bezahlen das privat, die Anderen können Zuschüsse aus verschiedenen Töpfen beantragen; bei niemandem soll es aber am Geld scheitern“, sagt Exer.

Das Projekt findet am Mühlenhof 24 im neuen Domizil des Vereins statt. Am Ende des Kurses ist ein gemeinsames Wochenende geplant – dafür wird noch ein barrierefreies Haus gesucht, in dem etwa 15 Leute untergebracht werden.

Wichtig ist Kersten Andresen, dass der Kursus sich nicht nur an Vereinsmitglieder richtet. Mit im Boot ist auch die Stadt – Martin Formella vom Fachdienst Soziale Hilfen. „Wir können in Neumünster noch ganz viel für die Chancengleichheit von Behinderten tun“, sagt Formella. Denn wenn der Bedarf offensichtlich werde, müsste sich etwas bei den Wohnungsbaugesellschaften tun, so Formella.

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erstellt am 22.Nov.2016 | 08:15 Uhr

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