zur Navigation springen

Erster Weltkrieg : Hungeraufruhr vor 100 Jahren

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Jugendliche und Frauen stürmten am 7. und 8. März 1917 die Bäckerläden in der Stadt. Militärposten verhinderten weitere Plünderungen

Neumünster | Nach zweieinhalb Jahren Weltkrieg und alliierter Seeblockade hatte sich auch in Neumünster die Ernährung der Bevölkerung dramatisch verschärft. Lebensmittel waren streng rationiert und oft mit Ersatzstoffen gestreckt. Der berüchtigte Steckrüben- oder Hungerwinter 1916/17 fand auch hier seinen Niederschlag. Am 7. und 8. März 1917 stürmten die Menschen die Bäckerläden. Dieser spontane Hungeraufruhr überraschte die Ordnungskräfte und wurde schließlich mit Hilfe des Militärs niedergeschlagen.

Weder im Holsteinischen Courier noch im Generalanzeiger finden sich wegen der Zensur Hinweise auf dieses Ereignis. Die archivalischen Quellen sind aber in der Dokumentation „Neumünster. Vom Kaiserreich zur Inflation“ (1983) und im von Alfred Heggen herausgegebenen „Projekt Zeitgeschichte Neumünster 1914 - 1949“ (2006) abgedruckt.

So berichtet die Stadtverwaltung am 8. März 1917 an den Regierungspräsidenten in Schleswig: „Am Spätnachmittage des 7. März 1917 sind hier eine ganze Reihe Bäckerläden und Brothandlungen gleichzeitig in verschiedenen Stadtgegenden von großen Menschenmengen erstürmt und das Brot aus den Läden entwendet. Die Verkäufer sind gegen die Menschenmenge machtlos gewesen.“ Als die Polizei anrückte, habe die Menge die Flucht ergriffen. Da ausreichender polizeilicher Schutz nicht gewährt werden konnte, „ist deshalb militärische Hülfe vom Generalkommando erbeten und gewährt worden. Die Bäckerläden erhalten militärische Posten. Diese sind heute, den 8. März Vormittags, 9h wieder eingezogen. Bald darauf begann wieder in verschiedenen Gegenden das Stürmen der Bäckerläden.“

In einem anderen Schreiben vom gleichen Tage an das Stellvertretende Generalkommando in Altona berichtet die Stadtverwaltung: „Bei diesen Unruhen hat sich herausgestellt, daß ein sehr großer Teil der Volkshaufen aus Kindern und jugendlichen Personen besteht.“ In einem Augenzeugenbericht heißt es: „Als es zu dem Hungerkrawall kam, war auf dem Großflecken eine riesige Ansammlung von Menschen. Berittene Polizei versuchte, die Unruhen zu unterdrücken. Meist tat sie das mit Säbeln, mit denen auf die Menschen eingeschlagen wurde. Einem Mann haben sie fast die Schulter abgeschlagen.“

Wie groß der Hunger der Zivilbevölkerung war, zeigt ein Beschluss des Magistrats vom 13. April 1916 zum weiteren Ausbau von Volksküchen. Auf deren Speiseplan fand sich folgende Rezeptur für eine „Hindenburgsuppe: 35 kg Hindenburgsuppenmehl, 250 kg Kartoffeln, 5 kg Sellerie, 5 kg Wurzeln, Salz, Pfeffer, maggi nach Bedarf“. Diese Zutaten sollten 1000 Liter Suppe ergeben.

Die Verschlechterung der Versorgung mit Nahrungsmitteln führte bereits 1915 zu einem Anstieg der Kriminalität. So berichtete der Courier am 13. Juli 1915: „Klagen über Garten- und Felddiebstähle werden laut. Es gelingt allerdings nur in den seltensten Fällen, die Täter zu fassen.“

zur Startseite

von
erstellt am 07.Mär.2017 | 09:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen