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Holsteinischer Courier

06. Dezember 2016 | 23:02 Uhr

FEK : Flüchtlingsambulanz schließt

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Projekt läuft nach einem Jahr aus . Ärztlicher Direktor kritisiert fehlende Nachhaltigkeit bei der Integration.

Neumünster | Die bundesweit einzigartige Notaufnahme für Flüchtlinge am Friedrich-Ebert-Krankenhaus (FEK) steht vor dem Aus. Die Türen der „Einheit für integrierende Versorgung“ (EIV) genannten Abteilung im ersten Stockwerk der Klinik an der Friesenstraße werden im Laufe des Novembers geschlossen, teilte Pflegedirektor Christian de la Chaux gestern mit. Das Projekt war auf ein Jahr befristet und läuft aus.

Während die zehn Pflegekräfte der EIV entweder auf eigenen Wunsch aufhören oder aber in die zentrale Notaufnahme übernommen werden, fürchten die vier syrischen Ärzte, Dilovan Alnouri, Munzer Shekko, Mahmoud Abbas und Somia Alyousef, nun die Arbeitslosigkeit. Grund: Sie haben nach wie vor keine Berufszulassung, müssen medizinische Entscheidungen stets ihren deutschen Kollegen überlassen und werden trotz ihrer Qualifikation im Alltag so behandelt, als ob sie gerade ihr Studium abgeschlossen hätten. Weil Papiere fehlen, wird ihre Ausbildung zudem hier nicht anerkannt. Eine notwendige Qualifizierung würde nach Angaben von Dilovan Alnouri mindestens neun Monate dauern. „Es gibt leider in Deutschland zu viel Bürokratie“, sagt er bedrückt. Der Viszeral- und Gefäßchirurg erklärt sein Dilemma: „Ich bekomme die geforderten Papiere in Syrien nur, wenn ich im Land bin. Als Regimekritiker begebe ich mich aber bei der Einreise in große Gefahr. Deshalb bin ich ja geflohen.“ Gleichzeitig betont er: „Ich will arbeiten und nicht auf Kosten des deutschen Staates leben.“

„Wir haben zu Beginn der Flüchtlingskrise viel und schnelle Hilfe vom Land bekommen, für die wir nach wie vor äußerst dankbar sind. Aber jetzt wird die Flüchtlingspolitik nicht mit der Nachhaltigkeit praktiziert, wie sie nötig wäre. So kann und wird die Integration nur schwerlich klappen“, bedauert Dr. Ivo Markus Heer, ärztlicher Direktor des FEK. Der engagierte Chefarzt hat beim Land einen Antrag gestellt, in dem er die künftige EIV 2.0 skizziert. In dem Arbeitspapier schlägt er zu deutlich verminderten Kosten eine dauerhafte Ausbildung von Flüchtlings-Ärzten im Rotationsverfahren vor. Immer wenn die fertigen Mediziner ihre Zulassung bekommen haben, sollen neue nachrücken. Zudem will das FEK in Zusammenarbeit mit der Stadt Anlaufstelle für Flüchtlinge bei allen Integrationsfragen werden. Auf die Antwort vom Land zu den Plänen wartet Ivo Markus Heer bislang vergeblich.

„Integration kostet Geld, und wir als Krankenhaus können bei den knappen Mitteln das nicht auch noch leisten“, sagt er und rechnet zugleich vor: „Wenn ich einen Arzt in Lohn und Brot versetze, helfe ich einer ganzen Familie, schaffe Integration und spare Hartz IV. Das ist in jedem Fall eine positive Rechnung.“ Pflegedirektor Christian de la Chaux nennt noch einen anderen Grund, warum er die Flüchtlingsärzte gerne weiterbeschäftigen möchte: „Die Behandlung von Flüchtlingen dauert drei bis fünf Mal länger als normal, auch wegen der Sprachbarrieren. Es bereichert das FEK und beschleunigt die Behandlung, wenn es viele fremdsprachige Kollegen in den Reihen hat.“

Einen ersten Hoffnungsschimmer gibt es. Patrick Tiede, Sprecher des Innenministeriums in Kiel, erklärte gestern auf Nachfrage: „Das FEK hat die Mittel bis zum Ablauf des vereinbarten Projektes nicht wie ursprünglich kalkuliert ausgeschöpft. Es gibt auf Antrag und in Abstimmung mit dem FEK jedoch die Zusage, das Projekt kostenneutral bis Ende Februar 2017 fortzusetzen.“ Anfallende Kosten für die Behandlung von Flüchtlingen würden dem FEK außerdem auch weiterhin vom Land erstattet.

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erstellt am 21.Sep.2016 | 07:30 Uhr

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