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Holsteinischer Courier

10. Dezember 2016 | 09:55 Uhr

Gerichtsbericht : Flucht wurde mit Betrug finanziert

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Angeklagte (30) bestritt mit fremden Personalien sein Leben.

Neumünster | Ein ungewöhnlicher Betrugsfall beschäftigte jetzt das Amtsgericht: Über Monate soll ein Mann (30) mit fremden Personalien immer wieder unterschiedliche Waren im Internet bestellt und nicht bezahlt haben. Laut Anklage soll er dafür am 23. April 2014 durch ein gekipptes Fenster in eine Doppelhaushälfte am Heidackerskamp gestiegen sein, um Karten und Bankdaten zu stehlen. Mit den Taten wollte sich der Mann offenbar nicht bereichern – er wollte überleben. Denn er war auf der Flucht, seit er in Hamburg nach einem Freigang nicht ins Gefängnis zurückgekehrt war.

Vor Gericht gab der Angeklagte all die illegalen Bestellungen sofort zu. Unter anderem hatte er sich Handys, Receiver, Laptops, einen Fernseher, aber auch Babyartikel, Haushaltsgeräte und sogar auf Bestellung einen Klodeckel schicken lassen und weiter verkauft. Die Pakete ließ er an irgendeine Adresse in der Innenstadt schicken, wo er gar nicht lebte und holte sie im Paketshop ab. „Ich brauchte 50 Euro in der Woche, um über die Runden zu kommen. Zum Amt konnte ich ja nun nicht. Und die Bestellungen schienen mir das kleinste Übel zu sein. Ich wollte kein großes Ding drehen“, erklärte der 30-Jährige.

Den Einbruch in die Wohnung in Tungendorf wies der Mann jedoch weit von sich. „Ich komme ja nicht mal mit einem Arm durch ein gekipptes Fenster“, sagte der breitschultrige, massige Angeklagte. Stattdessen schilderte er, dass ihm ein Bekannter die Daten des betroffenen Paares gegeben hatte und nannte auch den Namen – angeblich hatte der Kumpel die Papiere und Bankkarten gefunden. Weitere fremde Daten besorgte sich der Mann über Ebay.

„Das waren letztendlich alles keine guten Ideen – weder die Flucht, noch die Bestellungen“, meinte er vor Gericht. Auf seiner anderthalb Jahre dauernden Flucht war er quasi zufällig in Neumünster gestrandet. „In Hamburg konnte ich mich ja nicht mehr blicken lassen, da wurde ich ja gesucht“, sagte er. Doch in Neumünster fand er sein Glück. Seit Langem hält seine neue Freundin zu ihm, brachte ihn auf den rechten Weg und verließ ihn auch nicht, als er bis zum Frühjahr seine Reststrafe verbüßte. Das Paar erwartet jetzt ein Kind. Der Angeklagte hat seinen Führerschein gemacht und kümmert sich um einen Arbeitsplatz.

Für das Gericht war die gute Sozialprognose trotz diverser einschlägiger Vorstrafen ausschlaggebend, dem Mann noch eine Chance zu geben. Wegen Betrugs in zwölf Fällen verurteilte es den Angeklagten zu zwei Jahren Haft, die aber auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. Vom Einbruchdiebstahl wurde er freigesprochen. In das Urteil flossen zwei ältere Strafen (drei und elf Monate) mit ein. Der 30-Jährige bekommt einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt und muss 80 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten. Mit seiner Entscheidung stimmte das Gericht mit den Vorstellungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung nahezu überein. Das Urteil wurde noch im Saal rechtskräftig.

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erstellt am 13.Okt.2016 | 06:00 Uhr

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