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Holsteinischer Courier

08. Dezember 2016 | 11:01 Uhr

Flüchtlinge : Erstes Zeugnis mit viel Fleiß erkämpft

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

21 junge Flüchtlinge erhielten gestern ihren Hauptschulabschluss an der Elly-Heuss-Knapp-Schule / In den Sommerferien fleißig gepaukt

Neumünster | Wer paukt schon freiwillig Mathe, Englisch, Religion und Deutsch in den Sommerferien? 21 unbegleitete junge Flüchtlinge aus Afghanistan taten genau das und ernteten gestern die langersehnten Früchte ihres monatelangen und hartnäckigen Lerneifers: Sie erhielten ihre Hauptschul-Abschluss-Zeugnisse. Sabine Klütz, Abteilungsleiterin Berufsvorbereitung von der Elly-Heuss-Knapp-Schule, gratulierte herzlich und erklärte: „Es ist die erste Klasse in Neumünster, die mit Hilfe des Sommerferien-Unterrichts ihren Abschluss gemacht hat. Alle haben einen enormen Eifer gezeigt.“

Denn nach dem normalen Schuljahr büffelten die jungen Männer im Alter von 16 bis 18 Jahren, fast alle aus Afghanistan, sechs Wochen in den Ferien und an drei Wochenenden Deutsch, Englisch, Mathe und Religion. Drei Teilnehmer von anfangs 24 brachen ab. Die Gesichter derjenigen, die es geschafft hatten, sprachen gestern Bände: Sie lachten und freuten sich wie Kinder, es gab herzliche Umarmungen und Gratulationen der Lehrer und Mitschüler, und nach dem offiziellen Fototermin vollführten sie Luftsprünge. Aliullah Mohsing (15) ist einer von ihnen. Er kam vor elf Monaten mit seinem Bruder Alireza (17) nach Deutschland, floh eineinhalb Monate, lebt jetzt in der Safety-Villa. Kontakt zu ihren Eltern haben die Brüder nicht: „Nach Griechenland haben wir nichts mehr von ihnen gehört“, sagt er ernst. Trotz seiner schwierigen seelischen Situation dachte er nie ans Aufgeben: „Man hat nur diese Lebenszeit, sie kommt nicht wieder, man muss sie nutzen. So habe ich einen Sinn und ein Ziel“, sagt Aliullah, der eine kleine Rede hielt. „Wir würden viel erreichen, wenn alle Menschen friedlich wären. Wenn Frieden in Afghanistan wäre, gäbe es keine Waffen, weil wir keine bräuchten. Wir könnten die Zeit in Wissenschaften investieren“, sagte er, kämpfte mit den ungewohnten Worten und erhielt vom Publikum „Bravo“-Rufe.

Sein Mitschüler Bostan Nazari (17) sprach über das Thema Heimat: „Wo das Herz ist, ist Heimat, es ist ein Gefühl. Die letzten Worte meiner Mutter beim Abschied waren, dass ich eine neue Heimat finden müsse, wo die Menschen mich verstehen.“ Sein Fazit: „Afghanistan als Heimat vermisse ich schon, aber hier bin ich angekommen, das ist für mich Heimat. Ich liebe dieses Land und die Hilfsbereitschaft der Menschen. Wenn man hier geboren wurde, sollte man ein Leben lang dafür dankbar sein.“

Für alle geht es jetzt weiter – Aliullah als Jüngster ist zur Wilhelm-Tanck-Schule gewechselt, andere büffeln für ihren Realschulabschluss, einer hat eine Ausbildung als Maurer angefangen. Aliullah weiß, was er werden will: „Apotheker.“

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erstellt am 10.Sep.2016 | 12:00 Uhr

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