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Holsteinischer Courier

25. September 2016 | 00:34 Uhr

Neumünster trauert : Er hat unsere Stadt größer gemacht

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Zum Tode von Dr. Uwe Harder: Ein Nachruf von Uli Wachholtz, Präsident des Unternehmerverbands UV Nord, Herausgeber des Couriers und langjähriger Weggefährte des Alt-OB

Neumünster | 18 Jahre war Dr. Uwe Harder Oberbürgermeister unserer Stadt, 18 Jahre, die Neumünster verändert und geprägt haben (1970-1988). Wie viele Menschen, die das politische Leben Schleswig-Holsteins nach dem Zweiten Weltkrieg mitgeprägt haben, kam auch Dr. Uwe Harder aus dem Ruhrgebiet zu uns. Als Oberbürgermeister folgte er Walther Lehmkuhl, der 20 Jahre im Rathaus an der Spitze gestanden hatte, und der 20 Jahre den Rückenwind des Wiederaufbaus als sicheres Fundament hatte. Als Harder antrat, weht ein anderer Geist, die 68er waren am Anfang ihres Marsches durch die Institutionen, die Zeiten hatten sich verändert, das Wirtschaftswunder zeigte erstmals deutliche Risse.

Die Berufung Uwe Harders machte einen Generationswechsel und auch einen Mentalitätswechsel deutlich, wie er kaum krasser sein konnte. Intellektuelle Weltläufigkeit löste rustikale Bodenständigkeit ab. Harder stürzte sich von der ersten Sekunde an mit Freude in die neue Aufgabe, ohne zu verbergen, dass ihm die Grenzen einer kreisfreien Stadt in der Norddeutschen Tiefebene eigentlich zu eng waren, genauso wie der kulturelle Anspruch, den er in seiner Umgebung vorfand. Nicht zuletzt war es deshalb für ihn ein Glücksfall, dass die Gebietsreform die Stadtfläche just in seinem Antrittsjahr verdoppelte, und das auch noch in dem Moment, als der Fernverkehr über die A7 an der Stadt vorbeigeführt wurde.

Uwe Harder verlor sich nicht im Kleinen, sondern suchte sich zielstrebig die großen Felder wie Ansiedlungspolitik, Stadtgestaltung, Architektur und Kultur, und das mit einer Geschwindigkeit, bei der der durchschnittliche Holsteiner anfangs kaum mithalten konnte. Das führte dann häufiger zu harten Debatten, auch damals schon mit seinen Genossen. Aber er setzte sich meistens durch, zum Segen der Stadt. So großzügig er sich aber bei Investitionen und Kultur zeigte, so sparsam war er als Verwaltungschef, was ihm auch nicht nur Freunde bescherte.

Den Auflösungserscheinungen der angestammten, traditionellen Industrien Textil, Leder und auch Maschinenbau in den 70er-Jahren begegnete er mit der Ankurbelung von Neuansiedlungen im Industriegebiet Süd. Ihm war keine Distanz zu groß, um nicht selbst um die halbe Welt zu fliegen, um die Investoren von Neumünster zu überzeugen. Schnell füllte er in Gemeinsamkeit mit seinem Kämmerer Kajo Schommer das Industriegebiet. Waren die Unternehmen erst einmal da, hielt er auch in der Folge immer den Kontakt zu seinen Ansiedlungen.

Seine ausgeprägte humanistische Bildung prägte seinen Anspruch, auch an sein eigenes Wirken; die geschichtlichen Wurzeln und kulturelle Werte waren ihm ein hohes Gut. Sie drücken sich heute noch in den Bauten aus, die er Neumünster hinterließ. Dänische Architekten zeichneten die Pläne, das Neue Rathaus wurde gebaut, und Uwe Harder setzte seine Vorstellung von einer Stadthalle am Kleinflecken durch – nicht nur gegen die vehemente Abwehrhaltung vieler Bürger der Stadt, sondern auch gegen viele seiner Genossen.

Letztendlich regte dieser Bau die Stadt und ihre Einwohner dann aber an, der Kultur endgültig einen höheren Stellenwert einzuräumen. Der Verein der Freunde der Kunst wurde gegründet und der Fallada-Preis aus der Taufe gehoben; die Stadttöpferei entstand in seiner Zeit, und er schob die Umgestaltung des Großfleckens an.

Ich kann mich lebhaft an die ersten Begegnungen mit Uwe Harder erinnern: Anfangs fremdelten wir ein wenig (25 Jahre Altersunterschied, er hatte eine Generation mehr Lebenserfahrung), und dann hat er auch noch dauernd die Wochenzeitung „Die Zeit“ zitiert statt den Courier. Dennoch kamen wir uns nicht zuletzt über nicht-politische Themen langsam, aber sicher näher. Meinen Ritterschlag bekam ich mit dem telefonischen Auftrag von ihm: „Du musst den Tierpark machen, der ist pleite.“ So wurde ich 1986 zum Vorsitzenden der Tiergartenvereinigung gewählt. Zum Glück gelang es, das Problem schnell in den Griff zu bekommen.

Unvollständig wäre eine Erinnerung an Uwe Harder ohne seine Familie. Seine beiden Kinder Daniela und Tom sind heute beide erfolgreich im Süden der Republik, und seine Frau Kriemhild, genannt „Krümel“, die ihm in den letzten Jahren sehr gefehlt hat.

Mit „Krümel“ tauchte jemand in der Neumünsteraner Gesellschaft auf, die der Sozialdemokratie ein anderes Gesicht gab, waren wir doch Gesichter gewohnt wie Jochen Steffen, Hermann Bordasch, Walter Tiemann, Walther Lehmkuhl oder Max Johannsen. „Krümel“ dagegen war elegant, farbig, strahlend, ja, und immer unüberhörbar. Ihr Lachen war ansteckend, man wusste immer, wenn sie im Raume war, und immer kam gute Laune auf. Kontaktpflege beherrschte sie wie keine Zweite, sie war eine exzellente Gastgeberin, sie zupfte Uwe noch schnell das Einstecktuch zurecht, bevor er das Haus verließ.

Die jährlichen Geburtstagseinladungen werden allen in bester Erinnerung bleiben, waren es doch gesellschaftliche Höhepunkte in Neumünster. Die Gästeschar handverlesen und sorgfältig zusammengestellt aus Kultur, Politik und Wirtschaft und Gesellschaft. Intellektuelle, Prominente und Freunde kamen jedes Jahr wieder zusammen, teils jahrzehntelang! Um nur einige zu nennen: der Satiriker Gabriel Laub, der Unternehmer Dr. Klaus Murmann, der Kämmerer und spätere Wirtschaftsminister Sachsens, Dr. Kajo Schommer, SHMF-Mitbegründer Ulli Urban, Rosemarie Springer, Buchhändler Lübbert und viele mehr.

Bis zuletzt hat Harder immer noch reges Interesse an Neumünsters Entwicklung gehabt und sich auch bis zuletzt eingemischt: mit Anrufen, Gesprächsrunden und mit Leserbriefen (nun auch im Courier), die manch einer in der Stadt sich hinter den Spiegel stecken kann. Er hat immer über den Tellerrand und die Stadtgrenzen hinaus gedacht, er hat diese Stadt in jeder Hinsicht größer gemacht, und er hat die Fundamente für die gute Entwicklung der jüngsten Zeit gelegt.

In dankbarer Erinnerung, Uli Wachholtz

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erstellt am 10.Feb.2016 | 07:30 Uhr

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