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Holsteinischer Courier

05. Dezember 2016 | 13:43 Uhr

Erinnerungen an Wendepunkte : „Einheit und Freiheit sind ein Geschenk“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Herbert Möller (CDU) und Henning Möbius (SPD) erzählen ihre persönlichen Erinnerungen an die deutsche Teilung und Wiedervereinigung.

Neumünster | Henning Möbius (72) und Herbert Möller (93) – zwei Neumünsteraner, die sich Zeit ihres politischen Handelns für Frieden und Freiheit eingesetzt haben. Beide leben in Tungendorf, beide wurden mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, und beide sehen ehrenamtliches Engagement als ihre gesellschaftliche Aufgabe an.

Möbius, Jahrgang 1943, wuchs in Neumünster auf, Herbert Möller erblickte das Licht der Welt 20 Jahre zuvor im sudetenländischen Maffersdorf, das heute Vratislavice nad Nisou heißt und in Tschechien liegt. 1945 verschlug es den damals 22-jährigen Möller nach Neumünster. „Hier möchtest Du nicht begraben sein“, so sein erster Gedanke beim Anblick der zerstörten Stadt.

Doch Herbert Möller blieb, trat 1959 in die CDU ein und gründete in Tungendorf die Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsbaugenossenschaft „Eigener Herd“. „Als Heimatvertriebener habe ich mich zeitlebens für die sudetendeutsche Sache engagiert“, sagt der heute 93-Jährige. Bereits 1955 trat er der Kreisgruppe Neumünster der Sudetendeutschen Landsmannschaft bei. Zwei Jahre zuvor hatte es in der DDR einen Volksaufstand gegeben, den die Sowjetarmee am 17. Juni blutig niederschlug. „Ich habe den Aufstand am Radio verfolgt. Es war sehr bedrückend. Hunderttausende gingen auf die Straße, um Selbstbestimmung, Recht und Freiheit zu fordern. Sie wurden von Panzern zermalmt, ihr Ruf nach Freiheit in Zuchthäusern erstickt“, erinnert sich der Pensionär.

Ähnlich erging es ihm beim Bau der Mauer am 13. August 1961. „Es war an einem Sonntag. Wir waren mit dem Siedlerbund unterwegs, und im Bus lief das Radio“, erzählt Möller. Was da in Berlin geschah, war für die Reisegruppe unbegreiflich. „Die Generation, die den Krieg noch erlebt hat, hatte große Angst, dass das hier rüberschwappt“, beschreibt der Tungendorfer die damalige Stimmung. Der Mauerfall am 9. November 1989 war für ihn deshalb von Glücksgefühlen geprägt. „All diese glücklichen Menschen, die ich im Fernsehen sah, machten mir klar: ,Jetzt ist unser Wunsch in Erfüllung gegangen“, sagt Herbert Möller. Für ihn sei die Teilung Deutschland nie hinnehmbar gewesen. Am 3. Oktober 1990 war er „nur noch froh, dass dieser Zirkus endlich vorbei war“. Als Dank ließ Herbert Möller mit Unterstützung Neumünsteraner Unternehmen einen Gedenkstein auf dem Berliner Platz errichten. „Einheit und Freiheit sind ein Geschenk, das viele Menschen heute nicht mehr zu schätzen wissen“, sagt Herbert Möller.

Henning und Astrid Möbius wissen von deren großer Bedeutung. Für das Tungendorfer Ehepaar ist die deutsche Nachkriegszeit bis zum Fall der Mauer geprägt durch Erlebnisse mit Verwandten und Freunden in der damaligen DDR. „An den Volksaufstand von 1953 kann ich mich nicht mehr erinnern“, sagt Henning Möbius, dafür sei er damals zu jung gewesen. An den Bau der Mauer schon. „Das war ein einschneidendes Erlebnis. Wir saßen vor dem Fernseher, und uns wurde schlagartig klar, dass unsere Reisen zu meinen Verwandten in die DDR nun schwierig werden würden“, erinnert sich Astrid Möbius.

Ihren Onkeln, Tanten und Cousins blieb es ab 1961 verwehrt, nach Neumünster zu reisen. Das Ehepaar Möbius, dem verwandtschaftliche Kontakte viel bedeuten, fuhr weiterhin regelmäßig in die Nähe von Stettin. „Für diesen Westkontakt haben einige meiner Cousins auf ihre Karriere verzichtet“, erzählt Astrid Möbius. Diejenigen, die sich zur SED bekannten, durften sie nicht treffen. „Wenn wir bei unseren Besuchen zur Vordertür reinkamen, verschwanden meine Cousins durch die Hintertür. Das war für uns schlimmer, als wenn sie gestorben wären“, sagt das Ehepaar. Jeder DDR-Bürger musste ein „Hausbuch“ führen, in dem die Westbesuche akribisch vermerkt wurden. „Bei unseren Besuchen im Osten erlebten wir hautnah, was es bedeutet, in einem Polizeistaat zu leben“, so Henning Möbius.

Der Ruf nach der Einheit Deutschlands sei ihm als junger Erwachsener dennoch suspekt gewesen. „Die Gedenkfeiern zum 17. Juni auf dem Kleinflecken kamen uns verlogen vor. Aus Protest baten wir – der Pfadfinderstamm der Wikinger – Neumünsteraner Firmen, uns am 17. Juni 1964 zu beschäftigen. Heinrich Scheffler war mutig genug, sich gegen den Zeitgeist zu stellen. Das Geld, das wir am 17. Juni, damals noch ein Feiertag, in seiner Gärtnerei verdienten, schickten wir einer Kirchengemeinde in Tripkau. Wir waren stolz, konkret helfen zu können“, erinnert sich Henning Möbius.

Den Fall der Mauer fand das Ehepaar „einfach nur wunderbar“. „Danach ging es hier manchmal zu, wie in einem Hotel“, lacht Astrid Möbius. Die Besucher aus dem Osten gaben sich die Klinke in die Hand. Auch Astrid und Henning Möbius fahren weiterhin einmal im Jahr zu ihren ostdeutschen Verwandten. „Viele Dörfer sind dort fast ausgestorben“, erzählt Henning Möbius. Menschen, die ihr Leben gestalten wollen, seien in den Westen gezogen. „Aber in letzter Zeit ändert sich das Bild. Polen aus Stettin ziehen über die nahe Grenze und werden, anders als zu DDR-Zeiten, willkommen geheißen. Das beste Beispiel für ein Europa der offenen Grenzen“, findet Henning Möbius.

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erstellt am 04.Okt.2016 | 12:00 Uhr

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