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Holsteinischer Courier

10. Dezember 2016 | 04:10 Uhr

Neumünster : Ein Haus, fünf Kinder und eine tote Frau im Fass: Das Leben des Jörg L.

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor 24 Jahren erwürgte er seine Lebenspartnerin - und trennte sich nie von der Leiche. Wer ist der Mann?

Neumünster | Hinter den schäbigen Holztüren des Garagenhofes in Neumünster parken Mieter für 40 Euro im Monat ihre Autos. Oder sie lagern Sachen für den nächsten Flohmarkt. Jörg L. (52) deponierte dort die Leiche seiner Ehefrau. Verpackt in Folie und eingeschweißt in ein Metallfass. 24 Jahre bewahrte er das grausige Geheimnis, erst jetzt haben Ermittler das Verbrechen aufgeklärt. Auch, weil Jörg L. sich nie von der mumifizierten Leiche getrennt hat.

Wie lebt man mit dem Wissen um die tote Ehefrau in der Garage? Ein Gesprächsversuch. Jörg L. ist ein blasser Mann mit unruhigem Blick. „Kein Kommentar“, sagt er und schließt die Haustür wieder.

Die Tote im Fass ist Franziska Sander, als sie starb, war sie 26 Jahre alt. Beide hatten 1988 in Hannover geheiratet. Vier Jahre später, am 10. Februar 1992, verschwand die junge Frau. Angehörigen soll Jörg L. erzählt haben, Franziska lebe jetzt in Amerika, und er soll ihnen sogar gefälschte Briefe vorgelegt haben, die angeblich aus den USA kamen.

Wenig später verließ Jörg L. dann Hannover, zog mit dem Metallfass nach Neumünster und heiratete wieder. Heute lebt er zur Miete in einem schmucken Einfamilienhaus. Nur ein Dutzend andere Häuser säumen die Straße, Pferdekoppeln rundherum, ländliche Idylle. Im Garten ein Trampolin und eine Schaukel. Fünf Kinder habe er, berichten Nachbarn, das jüngste ein Jahr alt, das älteste neun.

Aufgefallen ist allen in der Straße, dass die Familie Kontakte stets vermied. Siegrid E. (72), die direkt nebenan wohnt, sagt: „Sie sind zu Pfingsten eingezogen, haben sich nicht vorgestellt. Die ganze Familie lebt sehr zurückgezogen, die Kinder spielen nie auf der Straße.“ Und Nachbar Wolfgang G. (69) sagt: „Wir haben sie immer nur von Weitem gesehen.“

Jörg L. soll als Flüchtlingsbetreuer in einer Erstaufnahme gearbeitet haben. Ob seine neue Ehefrau sein dunkles Geheimnis kannte, bevor die Ermittlungen begannen, ist ungewiss. Seiner Vermieterin offenbarte er sich aber, nachdem der Fall am Mittwoch öffentlich geworden war. „Ja, er hat es mir gebeichtet“, sagt sie.

Als Franziska Sander 1992 verschwand, war nicht ermittelt worden, weil es keine Hinweise auf eine Straftat gab. Erst 2013 erstatteten ihre Brüder schließlich eine Vermisstenanzeige. Warum sie so lange warteten, ist unklar. Thomas Klinge, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, sagt: „Offenbar gab es keine besonders festen Beziehungen in der Familie.“

Die Kripo begann zu ermitteln und befragte auch Jörg L., der sich in Widersprüche verwickelte und in Verdacht geriet, seine damalige Ehefrau getötet zu haben. Als Polizisten ihn im September mit dem Vorwurf konfrontierten, legte er ein Geständnis ab und führte die Beamten zu dem Fass.

Juristisch kann Jörg L. für die Tat wohl nicht mehr belangt werden. Angeblich ist Franziska Sander bei einem Streit erwürgt worden, was die Staatsanwaltschaft als Totschlag bewertet. Und der ist vor vier Jahren verjährt. Aber noch sucht die Kripo Zeugen, die Franziska Sander kannten – und vielleicht doch noch Hinweise auf einen Mord liefern, der nie verjährt.

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erstellt am 21.Okt.2016 | 06:41 Uhr

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