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Holsteinischer Courier

08. Dezember 2016 | 17:11 Uhr

Dreiste Täter : Dreiste Bronze-Diebe plündern Gräber

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Seit Monaten werden auf dem Nord- und Südfriedhof vermehrt Figuren und Buchstaben von den Steinen gebrochen . Es gibt ein großes Dunkelfeld.

Neumünster | Sie schrecken nicht einmal vor Gräbern zurück. Immer häufiger vergreifen sich dreiste Metalldiebe auf den Friedhöfen in der Stadt an Grabschmuck, aber seit Neustem auch vermehrt an Buchstaben aus Bronze. Mit Gewalt brechen sie die einzelnen Elemente aus dem Stein und richten dabei häufig einen immensen Schaden an. Für die Angehörigen ist es jedesmal ein Schock. Doch anscheinend wird nur ein Bruchteil der Fälle bei der Friedhofsverwaltung gemeldet und bei der Polizei angezeigt.

Frank Schmidt ist technischer Betriebsleiter im Steinmetzbetrieb beim Bestattungsunternehmen Johannes Selck. Zu ihm kommen die schockierten Angehörigen, wenn sie den Schaden bemerkt haben und ihn reparieren lassen wollen – und das werden immer mehr. „In diesem Jahr waren es mindestens schon 50 Fälle“, weiß Frank Schmidt. Vor einigen Jahren gab es das nur vereinzelt. „Da fehlten mal ein oder zwei Buchstaben, oder es wurden einzelne Bronze-Accessoires wie Vögelchen oder Laternen geklaut. Aber jetzt ist es wohl langsam gewerbsmäßig, was da passiert“, erzählt er.

Die ersten Taten ereigneten sich im Februar und März vermehrt auf dem Südfriedhof. Ab April verlagerten sich die Fälle mehr Richtung Nordfriedhof. Betroffen sind laut Schmidt oft die ruhigeren Bereiche in Richtung Hansenstraße. Die Friedhöfe in Einfeld und Gadeland bleiben bisher offenbar weitestgehend verschont.

Die finanziellen Schäden, die die Diebe anrichten, sind enorm. Eine hübsche Figur, die künstlerisch angefertigt wurde, kann ein paar hundert Euro kosten. Bronze-Buchstaben sind je nach Größe und Schriftart für 20 bis 50 Euro zu haben. Die Täter schlagen die in der Regel angedübelten Elemente einfach mit einem Hammer herunter. Manche Grabsteine werden regelrecht geplündert. Oft nimmt der Stein dabei auch Schaden. „Doch am schlimmsten sind die seelischen Verletzungen bei den Angehörigen. Viele vermuten als erstes, jemand hätte etwas gegen den Verstorbenen“, berichtet Frank Schmidt.

Viele seiner Kunden mussten diese bittere Erfahrung in diesem Jahr bereits zwei Mal machen. „Einer Kundin wurden im Frühsommer zwei Buchstaben vom Grabstein gestohlen. Wir haben sie ersetzt. Drei Tage später waren noch mehr Buchstaben weg“, berichtet der Steinmetz. Er hat der Frau jetzt empfohlen, den Stein umzudrehen und die Inschrift auf der Rückseite einzugravieren. „Ich rate im Moment niemandem mehr, die Bronze-Elemente zu ersetzen. Es nützt einfach nichts“, sagt Schmidt.

Auch die Firma Selck hat selbst Konsequenzen ziehen müssen: Anfang des Jahres nahmen Metalldiebe aus der Ausstellung vor dem Betrieb an der Plöner Straße zahlreiche gut befestigte Bronze-Figuren und Buchstaben mit. Seitdem werden sie nur noch in den Innenräumen ausgestellt.

Bei der Friedhofsverwaltung und der Polizei kennt man das Problem der Bronzediebstähle – allerdings nicht in dieser großen Dimension. „Ich hatte einige Telefonate, bei dem sich Angehörige über Taten auf dem Nord- und Südfriedhof beschwerten. Ich weise sie dann darauf hin, es bei der Polizei anzuzeigen“, erklärt Friedhofsleiter Peter Lang. Die Mitarbeiter sind angehalten, genau hinzuschauen. Doch Lang vermutet: „Die Täter kommen wohl abends oder nachts.“

Der Polizei liegen für das laufende Jahr lediglich fünf entsprechende Anzeigen vor: Zwei von Anfang März, eine aus dem Mai und zwei aus dem Juni. „Meist ist es schwer, den Tatzeitpunkt einzugrenzen, weil die Angehörigen ja nicht täglich auf den Friedhof kommen“, erklärt Polizeisprecher Sönke Hinrichs. Das mache die Aufklärung neben dem schleppenden Anzeigenverhalten schwer. Wohin die Beute geht, ist unklar. Die ortsansässigen Recyclingunternehmen sind laut Polizei längst sensibilisiert, bei verdächtigen Angeboten genau hinzuschauen. Möglicherweise gehen die Bronzestücke aber ins Ausland oder werden von den Dieben vor dem Verkauf unkenntlich gemacht. Laut Landeskriminalamt gibt es derzeit keine weiteren Schwerpunkte auf Friedhöfen im Land. Der Preis für ein Kilo Bronze liegt derzeit bei nur 2,30 Euro.

Kommentar: Große psychische Belastung

Es ist wirklich der Gipfel der Dreistigkeit.  Immer häufiger vergreifen sich skrupellose Metalldiebe an den  liebevoll geschmückten Gräbern, nehmen die Dekoration mit und brechen mittlerweile schon mit Gewalt die Bronzebuchstaben aus den Steinen.  Für die Angehörigen  sind diese Taten eine große Belastung – nicht nur finanziell, sondern vor allem psychisch. Möglicherweise ist das auch ein Grund, warum so wenige Betroffene die Diebstähle bei der Friedhofsverwaltung melden oder bei der Polizei  anzeigen – das  Entsetzen über die Taten  nimmt vielen vielleicht die Kraft, weitere Schritte einzuleiten. Das ist zwar verständlich, jedoch   definitiv der falsche Weg.   Denn so  können sich die Diebe auf dem Friedhof weiter ungestört tummeln. Ohne Kenntnis über die wahre Dimension können Verwaltung und Polizei   aber nicht adäquat tätig werden.

 

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erstellt am 06.Okt.2016 | 08:00 Uhr

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