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Eine besondere Werkstatt : Die Singer-Nähmaschine war ihr Leben

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Seniorenheim „Servicehaus am Wasserturm“ hat als erste Einrichtung eine kombinierte Werkstatt und Schneiderei eingerichtet.

Neumünster | „Eine Singer-Nähmaschine – darauf habe ich gelernt!“ Fasziniert streicht Inge Grandt (78) mit der Hand über das gute alte Stück. Dann dreht sie am Schwungrad – die Handgriffe sitzen noch. Die Neumünsteranerin lebt im Seniorenheim „Awo-Wohnpflege Servicehaus am Wasserturm“. Ebenso wie viele andere Bewohner freut sie sich über die neue Werkstatt und die Schneiderei, die gestern offiziell eingeweiht wurden. Hier sollen alle Bewohner, Mieter aus dem betreuten Wohnen sowie Gäste der Tagespflege in Zukunft handwerklich tätig werden können. Das Projekt, das die Einrichtung mit minimalen Mitteln auf die Beine stellte, ist einmalig in der Stadt.

„Es geht darum, die älteren Menschen zu motivieren. Die Tätigkeiten fördern die motorischen Fertigkeiten. Die Bewohner erweitern ihre sozialen Kontakte, wenn sie hier zusammenkommen und können durch ihre Werke ihre Umgebung mitgestalten. Und sie fühlen sich sinnvoll gebraucht“, erklärt Jolanta Paszak von der Pflegedienstleitung.

Die Idee zur kombinierten Werkstatt und der Schneiderei kam im vergangenen Jahr von den Betreuungskräften. Sie wollten den Senioren etwas anbieten, das von ihrer Biografien her Sinn ergibt. Schnell stellte sich heraus, dass viele ältere Frauen privat oder beruflich in ihrem Leben viel genäht haben. Die Männer berichteten stattdessen von Holzarbeiten. Daraufhin startete das Team einen Spendenaufruf. „Wir haben nach Werkzeug aller Art und Nähzubehör gefragt“, berichten die Betreuungskräfte Sabine Katt und Harry Hartwig, die bei der Werkstattarbeit stets unterstützen. Nach und nach kamen die Einzelteile zusammen. Eine große Neumünsteraner Firma, die anonym bleiben möchte, spendete noch 500 Euro, von denen unter anderem eine elektrische Nähmaschine gekauft wurde. Rund 700 Euro kamen vom Heim selbst dazu.

Schon im Winter starteten die Senioren mit ihren Holz- und Schneiderarbeiten – auch wenn noch nicht alles fertig war. Es wurden bereits Wärmekissen, Leseknochen, ein Kissen für einen Rollstuhl und Waschlappen genäht und viele Textilien ausgebessert. Ein besonders großes, robustes Mensch-Ärgere-Dich-nicht-Spiel wurde entworfen, gesägt, geschmirgelt, bemalt und Holzeinfassungen für Hochbeete gebaut. Bei den Bewohnern kommt das neue Angebot gut an. Das Ehepaar Heinz (84) und Doreen Kohn (82) wohnt erst seit wenigen Tagen in dem Heim an der Schillerstraße. „Ich habe schon immer mit Holz gearbeitet und hatte im Keller eine Werkstatt“, erklärt Heinz Kohn. Für ihn ist es wichtig, dass er auch im Seniorenheim sein Hobby weiter pflegen kann. In der Osterzeit zieren jetzt seine bunten Holzhasen die Räume.

Schnell kommen Erinnerungen auf, wenn eine Gruppe zusammen werkelt und näht. Inge Grandt weiß noch, wie sie mit 15 Jahren bei der Textilfabrik Sager ihre Lehre begann. „Zu Hause habe ich viel für meine Familie genäht“, sagt sie. Die Männer müssen nur den Duft des Holzes riechen und schon fällt ihnen manche Anekdote ein. Derweil bemalen Herta Wriedt (80), Lieselotte Wechselbaum (90) und Toni Gieschenhagen (98) die großen Mensch-Ärgere-Dich-nicht-Figuren. Sie sind sich einig: „Das macht Spaß. Man ist nicht so nutzlos.“ Das Spiel wollen sie bald zusammen ausprobieren.

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erstellt am 16.Mär.2017 | 08:30 Uhr

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