zur Navigation springen

Holsteinischer Courier

04. Dezember 2016 | 09:17 Uhr

Gastarbeiterinnen : Die finnischen Mädels von Marsian

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Damenbekleidungs-Hersteller warb in den 1960er-Jahren viele Gastarbeiterinnen aus dem Norden an. Viele fanden ihr Glück und blieben.

Neumünster | 1966 erhielten Anja Alanen aus Espoo und Raija Nousiainen aus Äänekoski ein Angebot, das sie nicht ablehnen wollten: Die Firma Marsian aus dem fernen Neumünster in Deutschland bot den finnischen Mädchen an, ein einjähriges Praktikum zu machen. Sie hatten gerade ihre Ausbildung als Damenschneiderinnen gemacht und ließen sich darauf ein. Aus einem Jahr in Neumünster wurden 50 Jahre, denn wie viele andere Finninnen bei Marsian fanden die damals 18-jährigen Frauen hier ihr Glück, knüpften Familienbande und blieben.

„Wir waren damals 13 junge Mädchen, die nach Neumünster kamen“, erinnert sich Anja Alanen, die heute Reß heißt. 1965 begann der Austausch, der weit mehr als 50 Frauen aus Suomi nach Neumünster brachte. Die jungen Frauen wohnten in einem Wohnheim direkt auf dem Firmengelände von Marsian an der Rendsburger Straße (heute ist dort der Busbetriebshof der Stadtwerke). Raija Bracker (geborene Nousiainen): „Es ging sittsam zu. Am Pförtner und an der Heimleiterin kam keiner ungesehen vorbei. Unsere Männer haben wir beim Tanz kennen gelernt.“

Die beliebten Lokale damals waren das Oberbayern, die Kupferkanne am Großflecken, das Hotel Stadt Rendsburg, Capt’n Cook oder das Bella Vista über dem Capitol-Kino am Kuhberg. „Verständigt haben wir uns am Anfang mit Händen und Füßen und mit Hilfe eines Wörterbuchs“, sagt Heiner Reß (72). Otto Bracker (69) räumt ein: „Wir Männer tun uns immer noch etwas schwer mit der finnischen Sprache.“ Bei Joachim Kühn (69) ist das anders; er kann sich mit seiner Frau Arja (68) in ihrer Muttersprache unterhalten.

Die jungen Schneiderinnen aus Finnland wohnten damals zwar im Wohnheim an der Rendsburger Straße, die Marsian-Fabrikation war aber an der Justus-von-Liebig-Straße neben den Holstenhallen. „Erst sollte ich nur Etiketten sortieren, das wollte ich nicht ein Jahr lang machen. Dann kam ich in den Zuschnitt, sonst wäre ich nicht geblieben“, erinnert sich Anja Reß. Raija Bracker war in der Endkontrolle eingesetzt.

Zu Bestzeiten hatte das 1947 von Hermann Marsian gegründete Unternehmen mehr als 1700 Beschäftigte, aber irgendwann ging es bergab; 1976 schloss Marsian seine Tore. Anja Reß nennt den Grund für das Aus: „Marsian war zu teuer und konnte mit der Billig-Konkurrenz aus anderen Ländern nicht mehr mithalten.“ Der Marsian-Markenspruch lautete: „Außen und innen perfekt.“ Doch Perfektion und gute Arbeit rechneten sich einfach nicht mehr. Dazu verpasste Marsian mit seiner klassisch-konservativen Kollektion wohl auch Modetrends.

Die finnischen Schneiderinnen in Neumünster hielten den Kontakt. Eine Tradition ist die seit fast 50 Jahren ausgerichtete Weihnachtsfeier der Frauen. Arja Kühn organisiert sie. Gestern wurde „50 Jahre in Neumünster“ gefeiert, und da durften die Männer dabei sein. 24 Personen hatten sich zum Treff in den Bürgerstuben in Padenstedt angemeldet.

Eine andere Veranstaltung ist noch heute in bester Erinnerung. 2001 hatte das Schleswig-Holstein Musik-Festival den Länder-Schwerpunkt Finnland. „Siegfried Horn und Dr. Christa Buchwald vom SHMF-Beirat fragten an, ob wir Finnen nicht etwas auf die Beine stellen können“, sagt Raija Bracker. Das Ergebnis war ein finnisches Dorf auf dem Großflecken. Finnlands Präsidentin Tarja Halonen wurde von ihren Landsleuten in Neumünster stilecht in finnischer Tracht begrüßt.

 

 



zur Startseite

von
erstellt am 23.Okt.2016 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen