zur Navigation springen

Holsteinischer Courier

10. Dezember 2016 | 05:58 Uhr

Verfahren gegen SS-Helferin : Auschwitz-Prozess wird nicht eröffnet

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Neumünsteranerin ist dauerhaft nicht verhandlungsfähig.

Neumünster | Die mutmaßliche SS-Helferin Helma Christel M. (92) aus Neumünster, der Beihilfe zur Ermordung von mehr als 260  000 Juden im KZ Auschwitz vorgeworfen wird, wird sich nicht vor Gericht verantworten müssen. Das teilte das Landgericht in Kiel gestern mit.

„Die zuständige Jugendkammer hat die Eröffnung des Hauptverfahrens wegen dauerhafter Verhandlungsunfähigkeit der Angeschuldigten abgelehnt“, erklärten die Gerichtssprecherinnen Karin Witt und Rebekka Kleine. Die Kammer begründet ihre Entscheidung damit, dass die betagte Frau nahezu blind und fast taub sowie in ihrer körperlichen, geistigen und psychischen Leistungsfähigkeit hochgradig eingeschränkt sei. Insbesondere nach einer schweren internistischen Erkrankung im Januar/Februar dieses Jahres habe sich ihr Zustand verschlechtert. So sei „die hochgradig eingeschränkte Angeschuldigte auch bei Inanspruchnahme günstiger Rahmenbedingungen in einer Hauptverhandlung dauerhaft nicht mehr in der Lage, ihre Verfahrensrechte und Interessen sachgerecht wahrzunehmen“, hieß es . Dies aber wäre, so die Richter in ihrem Beschluss, Grundvoraussetzung für die Feststellung der Verhandlungsfähigkeit. Die Kammer stützt sich auf das Gutachten eines „forensisch erfahrenen Sachverständigen“, hieß es. Gegen das abschließende Gutachten seien seitens der Verfahrensbeteiligten keine Einwände erhoben wurden.

Gegen Helma Christel M., die in einem Seniorenheim lebt, war vor einem knappen Jahr Anklage erhoben worden (der Courier berichtete). Sie soll im Alter von 20 Jahren als Funkerin der Kommandantur des Konzentrations- und Vernichtungslagers von April bis Juli 1944 bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden aus Europa geholfen haben. In diesen Zeitraum fielen auch die Massentransporte ungarischer Juden nach Auschwitz-Birkenau. In der Kommandantur, in der Helma Christel M. eingesetzt gewesen seien soll, wurden die Tötungen organisiert.

Dass es überhaupt zur Anklage kam, liegt an einer rechtlichen Neubewertung. Der Name der Neumünsteranerin war der Justiz zwar schon in den 70er-Jahren bekannt, doch der Bundesgerichtshof hatte 1969 im Fall Auschwitz festgelegt, dass für eine Verurteilung der KZ-Wächter die individuelle Schuld nachgewiesen werden müsse – oft unmöglich. Unter anderem mit dem Urteil gegen John Demjanjuk 2011 änderte sich die Auffassung über die Strafbarkeit der Gehilfen.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 10.Sep.2016 | 09:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert