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Holsteinischer Courier

25. Januar 2017 | 00:30 Uhr

Selbsthilfe : 40 Jahre Hilfe aus der Suchtfalle

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Anonyme Alkoholiker: Mittwochgruppe lädt zum Informationsnachmittag ein / Betroffene berichten vom Weg in ein „trockenes“ Leben

Neumünster | Schon morgens griff Manfred  zur Flasche, auf der Arbeit hatte er seinen „Stoff“ in der Schublade. Das ging lange gut, dann kam er immer später zum Job, baute einen Unfall, seine Frau verließ ihn, sein Arbeitgeber kündigte ihm. So oder ähnlich schildern Tommy (53) und Karsten (56) eine typische „Trinker–Karriere“. „Alkoholismus ist eine tückische, komplexe und auch tödliche Krankheit, die geistig, körperlich und seelisch zerrüttet. Man ist ein Leben lang betroffen. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man irgendwann lockerlassen kann.“ Die zwei Neumünsteraner gehören der Mittwochsgruppe der Anonymen Alkoholiker (AA) an, die jetzt seit 40 Jahren besteht. Weil es halt um anonyme Alkoholiker geht, stimmen die Namen in diesem Text nicht.

„Man muss erkennen, dass man an einem Tiefpunkt angelangt ist und  Hilfe braucht“, sagt Karsten. Auslöser kann ein körperlicher Zusammenbruch sein, ein Unfall, das Signal eines nahestehenden Menschen, dass es so nicht weiter geht, der Verlust des Führerscheins oder anderes. In eine Selbsthilfe-Gruppe zu gehen, kann eine Auflage sein oder auch freiwillig geschehen, parallel zu einer Therapie oder als einzige Hilfe. „Nach dem AA-Zwölf-Schritte-Programm ist der erste, zuzugeben, dass man dem Alkohol gegenüber machtlos ist und das Leben nicht mehr meistern kann. In der Gruppe sind alle willkommen. Grundvoraussetzung ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Das kann auch bedeuten, dass aktive Trinker zu uns kommen, damit müssen wir uns zurechtfinden“, sagen Tommy und Karsten.

Das Loskommen vom Alkohol habe nichts mit Willensschwäche zu tun, sagt Karsten. Im Gegenteil. Um die „heile Fassade“  aufrecht zu halten, investieren Alkoholiker eine Menge  Tricks und Fantasie. Alkoholismus betrifft alle Alters- und Berufsschichten; der Einstieg in die Sucht kann schon in jungen Jahren erfolgen. In der Gruppe sprechen die Betroffenen über ihr Problem: „Man nimmt sich gegenseitig ernst, verniedlicht das Problem nicht, teilt gemeinsame Erfahrungen, aber schreibt den anderen nichts vor. Stattdessen erzählt man aus seinem Leben“, sagt Karsten.

Neben der Gruppenarbeit leisten die Mitglieder auch Präventionsarbeit, vor allem in Schulen. „Es ist erschreckend, was 15- oder 16-Jährige schon so trinken. Schon da funktioniert Alkohol als Lebenshilfe, als Krücke für gute Laune oder für die Gruppenzugehörigkeit – als eine Droge, die gesellschaftlich anerkannt ist. Aber die Abhängigkeit vom Handy ist noch größer“, sagt Tommy. Er und seine Mitstreiter geben den Jugendlichen Tipps („Getränke wegen der Gefahr von K.o.-Tropfen nicht aus der Hand geben“). Wichtig sind den AA noch zwei Prinzipien: „Bei uns herrscht absolute Diskretion, und wir sind mit keiner Sekte, Konfession, Partei oder Organisation verbunden.“

Zum  40-jährigen Bestehen lädt die Gruppe am Sonnabend, 10. September, von 14.30 bis 17.30 Uhr zu einem Informationsnachmittag in das Bildungszentrum Vicelinviertel ein. AA-Mitglieder schildern ihren Weg aus der Sucht, Dr. Heinz Stielike, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, berichtet von seinen Erfahrungen mit Suchtkranken.

Informationen: www.anonyme-alkoholiker.de.

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erstellt am 03.Aug.2016 | 08:00 Uhr

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