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Flensburger Tageblatt

25. August 2016 | 02:56 Uhr

Zu Besuch in der urbanen Wildnis

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Projekt „Luftschloss-Fabrik“ auf dem Harniskai-Gelände lud Flensburgs Politik zu Kaffee und Kuchen

Die Vision der Highship-Vermarkterin Barbara Geisel hatte anderes verheißen: Module des Fortschritts, futuristische Fahrzeuge, die in modernen Fertigungshallen entstehen, gut bezahlte Techniker-Jobs, Innovation, Weltmarkt, Zukunft. Das war 2010 und der Abschied von der Luftnummer mit den Flugbooten fiel Flensburg sehr, sehr schwer. Gestern war die Harniskaispitze 1-3 nun Schauplatz eines Erkundungsversuchs. Die neuen Siedler bemühten sich, auszuloten, ob Flensburgs Politik bereit ist für etwas ganz anderes. Umsonst-Kultur von unten, alternative Ökonomie, urbane Wildnis.

Willkommen in der Luftschlossfabrik! So hat ein Kreis von zwei, drei Dutzend Nutzern das Projekt getauft, das auf den Ruinen des trügerischen Investment-Traums entsteht. Die lose sortierte Gruppe hatte alle Ratsfraktionen eingeladen, sich selbst ein Bild vom Luftschloss zu machen. Ein Teil nahm die Gelegenheit wahr: SPD, WiF, Linke und Grüne waren vertreten – nicht in Fraktionsstärke, nicht immer mit der ersten Reihe, aber immerhin näherten sie sich den Leuten, die den Verfall der leer stehenden Gebäude gestoppt haben und mit einer Perspektive am Harniskai bleiben möchten.

Thomas Irmer, der gut 50 Besucher zu diesem inoffiziellen Tag der offenen Tür begrüßte, hatte eine überfraktionelle politische Willensbekundung auf seiner Seite: „Flensburg will Dein Engagement und macht es möglich!“ Nichts anderes als diese am 25. April 2013 vom Rat verabschiedete Formel, sei hier realisiert worden. Es präsentierten sich die Arbeitsgruppen, die nach dem großen Aufräumen entstanden und bei der Sache geblieben sind: Das Projekt der Volksküche, die auch für diejenigen auftischt, die sich das nicht leisten können; das Projekt Hackerspace mit seinem Freifunk-Netzwerk und seinen Workshops; das Projekt Gemeinschaftsgarten, das mit Kindern in der Erde wühlen will; die Veranstaltungsgruppe, die seit vergangenen Herbst etliche gut besuchte Musik-Events auf die Bühnen brachte (einschließlich des „Grand Opening“ der Luftschlossfabrik mit über 1500 Besuchern); ferner das Kunstprojekt, in dem die Gebäude verschönert werden, die Werkstattgruppe für alle Probleme rund ums Fahrzeug, das Projekt des Umsonst-Ladens – die Akteure ernteten Beifall, von der Politik zumindest freundliche Aufgeschlossenheit.

Heinz-Werner Jezewski (Linke), der mit Kollegin Gabi Ritter vor Ort war, ist ohnehin bekennender Anhänger der Fabrik und macht sich im Rat für eine vertragliche Vereinbarung mit den Nutzern stark. SPD-Ratsherr Johannes Schmidt schrieb für abwesende Genossen alles mit. „Ich persönlich finde es gut, was hier passiert“, sagte er, die etwas heikle Aufstellung des Luftschlosses nicht ausblendend. Es ist nicht nur der praktisch vollzogene latente Hausfriedensbruch, es ist auch die diffuse Furcht, die Nutzer könnten gekommen sein, um dauerhaft zu bleiben und Gewerbeansiedlungen zu blockieren. Das hält Ex-Ratsherr Jörg Pepmeier (Akopol) für Unfug. „Die Stadt hat hier seit über 20 Jahren keine vernünftige Gewerbeansiedlung hinbekommen. Da würde ich mir keine Gedanken machen.“ Pepmeier hat viel Sympathie für das Projekt, sieht eine perfekte Basis für alternative Genossenschaftsprojekte. Doch während er den Akteuren rät, diesen Flecken Erde nie wieder preiszugeben, ist bei den in politischer Verantwortung stehenden Besuchern etwas mehr Zurückhaltung sichtbar. Hubert Ambrosius (WiF) ist bekennender Christiania-Fan. Doch ob ein Flensburger Ableger des großen Kopenhagener Sozial-Experiments unbedingt die Hafenspitze benötigt, lässt er offen. „Was hier geschieht, ist wichtig. Und die Stadt ist gut beraten, dafür Flächen bereit zu stellen. Es muss ja nicht diese hier sein.“ Diese Entscheidungen sind noch nicht fällig, aber sie kommen unausweichlich auf alle Beteiligten zu. Noch streitet die Stadt mit ihrer Pächterin über den Rückfall des Geländes. Doch im nächsten Jahr, schätzt Flensburgs Justitiarin, Ellen Eichmeier, dürfte die Stadt wieder die Verfügung über das Grundstück haben. Dann kommt’s zum Schwur.

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erstellt am 24.Feb.2014 | 11:00 Uhr

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