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Flensburger Tageblatt

23. Oktober 2014 | 13:42 Uhr

Wo König Waldemar vor 850 Jahren Ziegel für das Danewerk brennen ließ

vom

Archäologen untersuchen Fundstelle in Hüsbyer Neubaugebiet / Erste Spuren der Logistik hinter dem mittelalterlichen Mammutbauwerk

Hüsby | Mit kleinen Kellen kratzen Burghardt Behlau und Werner Janßen im lehmigen Boden. Wenn sie auf einen orangerot schimmernden Ziegel stoßen, gehen sie mit besonderem Fingerspitzengefühl vor. Denn was für unbedarfte Beobachter aussieht wie achtlos entsorgter Bauschutt, ist für Archäologen eine kleine Sensation. Erstmals gelingt es ihnen, einen Blick in die Geschichte jenes logistischen Mammutprojektes zu werfen, das den Bau der gigantischen Waldemarsmauer ermöglichte. Was die beiden Mitarbeiter des Archäologischen Landesamtes in einem Neubaugebiet im beschaulichen Hüsby zurzeit freilegen, ist die erste nachweisbare Produktionsstätte für Danewerk-Ziegel aus dem 12. Jahrhundert überhaupt.

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Um zu erahnen, welche Ausmaße die Logistik für das steinerne Sperrwerk eingenommen haben muss, bedarf es nur weniger Fakten: Die Ziegelmauer, mit deren Bau der dänische König Waldemar I. im Jahr 1170 begann, war zwischen vier bis fünf Meter hoch. Das Bauwerk hatte eine Länge von etwa 4,5 Kilometern und beinhaltete nach Expertenschätzung so viele Ziegel (zirka 25 000 Kubikmeter), dass man damit 30 romanische Kirchen wie den Ratzeburger Dom hätte bauen können. Es müssen folglich Tausende Menschen daran gearbeitet haben. Woher sie kamen und wo sie wohnten, weiß bis heute niemand. Wie Holz, Lehm und anderes Baumaterial herbeigeschafft wurde, liegt bis heute komplett im Dunkeln. Wo die notwendigen Ziegel herkamen? Bis vor kurzem war auch das unklar. "Deshalb ist dieser Fund für uns wichtiger als Gold und Silber", freut sich Martin Segschneider vom Archäologischen Landesamt.

"Archäologie ist wie das Suchen von passenden Puzzleteilen, wenn jemand den Deckel der Schachtel weggeworfen hat", sagt dieser über die Arbeit seiner Zunft. Für die Geschichte des Danewerks hat er nun ein weiteres, nicht unbedeutendes Puzzleteil in Händen. Seine Grabungsleiterin Astrid Tummuscheit, die bereits den Durchbruch des Danewerks gefunden und ausgegraben hat, bestätigt: "Dieser Fund steht für einen Teil der Geschichte, den wir bisher nicht kannten."

Als sie im November erstmals auf die Baustelle im Neubaugebiet kam, war ihr die Bedeutung dieses Platzes schnell bewusst. Die dort bei einer Probebohrung für die Bodenplatte eines Einfamilienhauses zu Tage geförderten Ziegel und Ziegelfragmente entsprachen denen aus dem 12. Jahrhundert, die sie vom knapp drei Kilometer entfernten Mauersperrwerk kennt wie niemand sonst. Die Art des Brandes, Magerung (Zusammensetzung, Steineinschlüsse), Form, Farbe und Größe - alles stimmte überein. Inzwischen haben die Archäologen die Fundstelle bis zu einer Tiefe von fast einem Meter vorsichtig freigelegt. Felssteine, Ziegelsteine - zum Teil Fehlbrände (Ausschuss) - und auffallend dunkle Bodenpartien deuten nach Ansicht Tummuscheits mindestens drei Brennstellen an, so dass ihre Schlussfolgerung klar ist: "Wir können hier mit Sicherheit von einer mittelalterlichen Ziegelei sprechen."

Dass die Archäologen der für Laien kaum erkennbaren Spur in Ruhe nachgehen können, ist einerseits dem umsichtigen Bauherren zu verdanken, der den Ziegelfund an die Gemeinde meldete, und eben der Gemeindeführung selbst, bei der das Gespür für die Bedeutung archäologischer Stätten nach Ansicht Segschneiders besonders stark ausgeprägt ist. Das sagt auch Bürgermeister Werner Detlefsen. Durch die Nähe zum Danewerk, zahlreiche bronzezeitliche Grabhügel und Kochstellen sowie die Lage am historischen Ochsenweg sei man sich der Geschichtsträchtigkeit des Ortes sehr wohl bewusst.

Wer heute über das Danewerk spricht, hat unweigerlich die Bewerbung als Weltkulturerbe im Hinterkopf, über die in Kürze - und nach Ansicht von Fachleuten und Insidern - wohl positiv entschieden wird. Die jetzt gefundene Ziegelei werde zwar nicht Teil der möglichen Welterbestätte, so Segschneider, aber sie sei für die Bewerbung und vor allem für eine spätere museale Präsentation durchaus von Bedeutung. Segschneider: "Wir brauchen für den Brillianten schließlich auch eine Fassung."

Die Grabungen am Hüsbyer Geestblick sollen in der kommenden Woche abgeschlossen werden. Dann wird die Fundstelle wieder geschlossen und mit der Bodenplatte für das Einfamilienhaus des Ehepaars Albrecht quasi versiegelt. Auch wenn die Grundeigentümer den Archäologen gern die notwendige Zeit für ihre Forschung zur Verfügung gestellt haben, sind sie doch auch froh, dass es jetzt mit ihrem Eigenheim vorangehen wird. Ernst Albrecht versichert aber, dass die Spuren der für die weitere Forschung so wichtigen Ziegelei nicht gänzlich unter dem Haus verschwinden werden: Drei Ziegel habe er sich gesichert, sagt er. "Die sollen in die Diele eingelassen werden und durch eine Glasscheibe sichtbar sein."

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erstellt am 17.Apr.2012 | 07:25 Uhr

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