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Flensburger Tageblatt

26. Juni 2016 | 12:06 Uhr

Wo die Wikinger-Elite zu Hause war

vom

schaalby | Per Metalldetektor geortete Spuren lieferten erste Hinweise auf eine Siedlung aus der Wikingerzeit. Und schon, als er vor zwei Monaten mit den Ausgrabungen begann, war sich Projektleiter Dr. Andres Dobat von der Universität Århus sicher: Im Mündungsgebiet der Füsinger Au in die Schlei haben die Archäologen einen dicken Fisch an der Angel. Zum Abschluss der Erdarbeiten in dieser Woche haben sich die Befunde als noch spektakulärer erwiesen als gedacht. Dobat hat Beweise dafür gefunden, dass auf der strategisch äußerst günstig gelegenen Stelle "ein Häuptling, möglicherweise ein Statthalter eines dänischen Königs" residierte. "Einen Platz wie diesen haben wir in Schleswig-Holstein noch nicht gehabt", schwärmt Dr. Martin Segschneider vom Archäologischen Landesamt.

Dass in Füsing "die Top-Class der Gesellschaft" lebte, wie Dobat es ausdrückt, schlussfolgert der Wissenschaftler nicht zuletzt aus "einer faustdicken Überraschung": Das Grabungsteam mit Studenten aus Aarhus und Frankfurt am Main kam an Hand von Pfostenspuren und Wandgräben einer 25 Meter langen, zehn Meter breiten Halle auf die Spur. Die Höhe schätzt Dobat auf sechs Meter. Als ähnlich sensationell gilt der Nachweis einer 35 Meter langen, mehrere Meter hohen Palisadenwand. Beides zusammen wertet der Archäologe als Fingerzeig auf eine gutshofähnliche Anlage. Möglicherweise sei sie mit der Unterbringung einer militärische Gefolgschaft kombiniert gewesen. Dobat: "Es handelt sich um eine Anlage in Verbindung mit königlicher Macht."

Die Lage haben die Herrscher keinesfalls nach dem Zufallsprinzip gewählt: Plateau-artig lässt sich von hier die Schlei in drei Richtungen weiträumig überblicken. In südlicher Nachbarschaft begann das wikingerzeitliche Seesperrwerk von Resholm. Schräg gegenüber am anderen Ufer der östliche Teil des Verteidigungswalls Danewerk. Haithabu, der größte Fernhandelsplatz der Wikinger, entstand nur wenige Kilometer entfernt. Gen Osten machte zur Zeit der Wikinger ein Sumpf die Fläche schwer einnehmbar, in Richtung Norden die Füsinger Au. Das bis Süderbrarup schiffbare Flüsschen fungierte in einer Zeit ohne Chausseen als zentrale Siedlungsader in Angeln. Fast sämtliche nachgewiesenen Wohnplätze befanden sich in ihrem Einzugsbereich, weiß Segschneider.

Dass an der Mündung die Elite zu Hause war, belegen zahlreiche der über 500 Funde. Ein goldener Armring - einer von gerade drei aus dem Schleswig-Holstein der Wikingerzeit -, bronzene Gewandnadeln, Gürtelbeschläge und Kammschienen zählen dazu. Besonders Aufsehen erregend: Glasperlen und Scherben von Trinkglas. Letztere sind den Archäologen aus anderen ländlichen Siedlungen der Wikingerzeit in Schleswig-Holstein nicht bekannt. Trinkgefäße aus Glas mussten damals aus dem Rheingebiet oder vom Schwarzen Meer importiert werden, im Norden war die Blaskunst noch nicht bekannt. Im Gegensatz zu sonstigen Dörfern der Wikingerzeit entdeckten die Archäologen in Füsing fast überhaupt kein handwerkliches Gerät. Auch dies interpretieren sie als Zeugnis der gehobenen Gesellschaft - mit dem Alltäglichen musste man sich hier offenbar nicht beschäftigen. Ein Hinweis auf eine Opferstätte könnte nach Forscher-Ansicht der Kopf einer Eisenaxt sein - eine typische Waffe, die mit Keramik und gebranntem Stein in einer Grube "bewusst deponiert worden ist".

Von wenigen aufwändigeren Langhäusern abgesehen, lebte die Bevölkerung am Fundplatz Füsing überwiegend in Grubenhäusern. Auf rund 200 beziffert Dobat die Zahl der Immobilien. Überwiegend registrierten die Forscher runde Grundrisse. Diese sind für die nordische Sphäre typisch, während in Schleswig-Holstein sonst eckige Grubenhäuser dominieren. Diese Besonderheit liest Dobat als Beweis für die Verbindung der Bewohner zu Dänemark - und vielleicht als weiteres Indiz, dass hier im königlichen Auftrag gesiedelt wurde.

Datiert haben die Wissenschaftler die Bauhölzer im Mündungsgebiet auf die Zeit zwischen 700 und 1000. Mit diesem Zeitraum entfaltet sich die Siedlungsaktivität an dieser Fundstelle etwa 100 Jahre vor der Gründung Haithabus. Die längste Zeit existierten beide Orte nebeneinander - als Ende von Haithabu gilt gemeinhin das Jahr 1066.

Dass beide parallel bestanden, legt für Dobat eine Arbeitsteilung nahe. Haithabu habe offenbar noch nicht wie die spätmittelalterliche Stadt die Zentralitätsfunktion für das eigene Umland eingenommen. Als Fernhandelsplatz habe es sich augenscheinlich auf die internationalen Verbindungen konzentriert, während die Wissenschaftler Füsing in Ergänzung dazu als regionales Zentrum verstehen. "Damit bringt diese Ausgrabung einen völlig neuen Aspekt in die Wikingerforschung", freut sich Landesamts-Dezernent Segschneider.

Da die bisherigen Funde den Fachleuten "mehr Fragen als Antworten" liefern, kündigt Dobat für den nächsten Sommer weitere Ausgrabungen an. Wie für die Saison 2010 hat die dänische Carlsberg-Stiftung dafür bereits Mittel bewilligt. Schon jetzt will sich Dobat jedoch auf die Suche nach weiteren Geldquellen begeben. Denn nach den Sensationen von diesem Jahr ahnt er: "Auch im nächsten Sommer werden wir nicht fertig."

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erstellt am 01.Okt.2010 | 05:55 Uhr

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