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Flensburger Tageblatt

29. August 2016 | 21:51 Uhr

Lohndumping in Flensburg : Werft in Erklärungsnot

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Beschäftigte von Unterlieferanten der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft klagen an: Unterbezahlt, eingepfercht und nicht versichert.

Sie kommen aus Rumänien, Bulgarien, Griechenland oder Palästina. Über mehrere Stationen landen sie in Flensburg. Leben hier unter menschenunwürdigen Bedingungen, werden unregelmäßig oder gar nicht bezahlt, sind nicht krankenversichert. Drei Arbeiter aus Athen, die über einen Subunternehmer bei der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft in der Elektromontage beschäftigt sind, haben in ihrer Verzweiflung den Weg in die Öffentlichkeit gesucht, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Die Gewerkschaft ist aufgeschreckt, auch FSG-Geschäftsführer Ulf Bertheau zeigte sich bestürzt.

Stavros* steht exemplarisch für die drei Griechen, die aus Angst vor Repressalien ihren Namen nicht gedruckt sehen wollen. Der 28-Jährige hat eine Odyssee hinter sich. 2008 kam er nach Deutschland, arbeitete bei der Lloyd Werft in Bremerhaven, bei Lürssen in Bremen und auch bei der Papenburger Meyer-Werft – just zu dem Zeitpunkt, als dort im Juli 2013 zwei rumänische Leiharbeiter beim Brand in einer Massenunterkunft ums Leben kamen. Stavros fühlt sich dabei an die Zwei-Zimmer-Wohnung im Norden der Stadt erinnert, die er sich mit zwölf weiteren Werftarbeitern teilen musste. Michael Schmidt, Bevollmächtigter der IG Metall, hat sich das Malheur angesehen. „Ich habe fast einen Schlag bekommen“, sagt er, „unzumutbar!“

Schmidt hat versucht, das Geflecht zu entwirren, das sich rund um die Werksverträge der Betroffenen spinnt. Er ist überzeugt, dass Imtech Marine als von der FSG beauftragte Firma Dreh- und Angelpunkt einer verwerflichen, gleichwohl weit verbreiteten Praxis ist. „Imtech hat offensichtlich Verträge mit weiteren Subunternehmen, von denen eines für die Bezahlung der Beschäftigten verantwortlich ist.“

Ihm liegen Stundennachweise vor, nach denen ein Arbeiter bis zu 310 Stunden monatlich tätig war. „Ihnen sind Stundenlöhne von 14 Euro versprochen worden, dazu monatlich 600 Euro Auslöse“, sagt Schmidt. De facto jedoch seien lediglich 9,90 Euro pro Stunde gezahlt worden. „Wenn überhaupt“, fügt der Gewerkschaftssekretär hinzu. In den ersten beiden Monaten sei überhaupt kein Geld geflossen, danach unregelmäßig. Er macht Forderungen im hohen fünfstelligen Bereich für das Trio geltend, das die Gewerkschaft nunmehr mit der Wahrnehmung seiner Interessen beauftragt hat. Es habe sich bei einem Arztbesuch zudem herausgestellt, dass sie nicht krankenversichert seien. „Und natürlich“, so Schmidt, „sind auch Sozialversicherungsbeiträge nicht ordnungsgemäß abgeführt worden. Es handelt sich um eine illegales Beschäftigungsverhältnis – hochgradig kriminell.“ Allerdings sei das Konstrukt so intransparent, dass die FSG keine Chance gehabt habe, es zu durchblicken.

Damit allerdings will FSG-Geschäftsführer Ulf Bertheau umgehend beginnen. „Ich bin entsetzt, mit welchen Praktiken hier offenbar gearbeitet wird. Wir werden das mit Stumpf und Stil ausmerzen“, kündigte er im Gespräch mit unserer Zeitung an. Und versichert, man habe keine Kontrolle über Vorgehen und Personal der Unterauftragnehmer. „Die Abrechnungen gehen an uns vorbei.“ Mit Imtech sei eine hochkomplexe Verkabelung vereinbart worden – 500 Kilometer auf einem Schiff von 145 Metern Länge. „In der Offshore-Industrie stellen sich die höchsten Anforderungen überhaupt.“ Imtech jedoch verfüge offensichtlich weder über die erforderliche Qualifikation noch über die Zahl notwendiger Arbeitskräfte. „Wir werden uns mit der Firma auseinander setzten“, sagte Bertheau, „notfalls gerichtlich.“ Imtech-Pressesprecher Harald Prokosch nahm gestern mit den Worten Stellung: „Uns sind die Vorwürfe nicht bekannt. Sollte sich etwas davon als wahr erweisen, werden wir das nicht tolerieren.“

Jedem der drei Griechen hat die FSG jetzt 200 Euro zukommen lassen. Bertheau: „Sie wissen ja sonst nicht, wovon sie leben sollen.“


*Name geändert

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von
erstellt am 26.Mär.2015 | 10:33 Uhr

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