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Flensburger Tageblatt

10. Dezember 2016 | 11:54 Uhr

Eggebek : Wenn die Sprache das Eis bricht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vier Polizisten aus dem Flüchtlingsdorf in Eggebek lernen seit Oktober 2015 an der Flensburger Uni Arabisch.

Eggebek | „Hallo“, rufen drei junge Männer Polizistin Sandra Otte zu, als sie über das Gelände des Flüchtlingsdorfes am Bäckerweg in Eggebek geht. Die 45-Jährige erwidert freundlich den Gruß. „Hallo“ ist oft eins der ersten deutschen Wörter, die die Flüchtlinge in ihrer neuen Heimat lernen. Wie schwer es für diese Menschen sein muss, die nicht ganz einfache deutsche Sprache zu lernen, kann sich Otte sehr gut vorstellen. Sie stellt sich im Gegenzug einer anderen Herausforderung und besucht seit dem vergangenen Wintersemester mit drei ihrer Kollegen einen Arabischkurs an der Europa-Universität Flensburg – freiwillig.

Otte, die ab Juli 2015 zunächst in der Flüchtlingsunterkunft in Seeth (Kreis Nordfriesland) eingesetzt war und seit Mitte Februar in Eggebek ist, hat festgestellt, dass das Eis zwischen der Polizei und den Menschen leichter gebrochen wird, wenn sie fern von der Heimat zumindest ein paar Wörter in ihrer Muttersprache hören. Auf der Suche nach einem geeigneten Arabischkurs stieß sie an der Uni in Flensburg auf offene Ohren. „Die Mitarbeiter haben gesehen, dass der Bedarf da ist“, erinnert sie sich. Und so begann im Oktober die erste Arabisch-Vorlesung für die vier Polizisten.

Um am Kurs teilnehmen zu können, sind sie vom Dienst freigestellt. Und die Polizeidirektion Flensburg übernimmt sogar die Kosten dafür. Jeden Montag und Donnerstag sind jeweils zwei Beamte – alle zwischen 40 und 60 Jahren – auf dem Campus und büffeln mit den Studierenden zwei Stunden lang arabische Schriftzeichen, Grammatik und Vokabeln. Das Sprachzertifikat A1 haben sie bereits in der Tasche, im Sommersemester bereiten sie sich nun auf die nächste Stufe, A2, vor. Für Otte ist Arabisch eine Herausforderung. „Es fällt mir nicht so leicht, die Sprache zu lernen“, sagt die 45-Jährige, die Dänisch und Sport auf Lehramt studiert hat und seit 1993 bei der Polizei ist. Vor allem das Alphabet bereite ihr immer wieder Kopfzerbrechen. „Die Buchstaben werden unterschiedlich geschrieben, wenn sie am Anfang, in der Mitte oder am Ende eines Wortes stehen“, beschreibt sie eine Schwierigkeit der Sprache. Aber auch die Phonetik – die Aussprache und Betonung – habe es in sich.

In diesem Semester sind die Kursteilnehmer zusätzlich gefordert, denn ihre aktuelle Dozentin, eine junge Syrerin, spricht kein Deutsch und unterrichtet deshalb auf Englisch. Im vorigen Semester brachte ihnen ein Iraker die Sprache bei. „Ich muss viel umdenken“, erzählt Otte, die neben Englisch auch Spanisch und Dänisch beherrscht, „denn ich höre alles auf Englisch, schreibe aber auf Deutsch mit.“ Mit ihrer aktuellen Dozentin ist sie aber komplett zufrieden. Sie sei zwar sehr streng und achte stets genau auf die richtige Aussprache der Wörter. Außerdem gehe sie mit dem Stoff schnell voran. Doch Otte hat das Gefühl, die Sprache schneller zu lernen, was schließlich auch das Ziel der ganzen Mühen sei. In der ersten Zeit hat sie neben den Hausaufgaben viel zu Hause geübt. Doch seit einiger Zeit hilft ihr Anwar K. Rashid, Dolmetscherin in der Notarztbörse. „Sie macht das sehr gut und lernt schnell“, sagt Rashid lächelnd über ihre Schülerin. Die Nordirakerin, die seit elf Jahren in Deutschland lebt, weiß, was es heißt, sich eine schwierige Sprache anzueignen. Sie selbst hat Arabisch studiert und später Deutsch gelernt. Und Deutsch sei zweifellos komplizierter.

Dass sich der Fleiß lohnt, merkt Otte täglich im Flüchtlingsdorf. So oft es geht, kommuniziert sie mit den geflohenen Menschen in deren Muttersprache – sei es draußen auf dem Gelände oder sogar in einer Vernehmung. 70 Prozent der Flüchtlinge auf dem Gelände können Arabisch. Diese sind Otte zufolge stets überrascht, wenn die Polizistin plötzlich „Beruhigen Sie sich!“ oder „Bist du verletzt?“ auf Arabisch sagt. „Diese Ausdrücke haben wir im Unterricht übersetzt“, erklärt sie. „Für die Studierenden waren sie nicht so wichtig, aber uns helfen sie.“ Otte selbst ist auch stolz, wenn sie bei einer Vernehmung Wörter des Dolmetschers oder des Flüchtlings versteht.

Immer wieder merkt die 45-Jährige, dass sie den Menschen so die Angst vor der Polizei nimmt. Die Leute seien gehemmt, wenn sie die Beamten sehen. Doch wenn das Eis gebrochen ist, sind sie vertrauter. Einige kämen sogar kurz vor einem Transfer zu ihr und ihren Kollegen, um sich zu verabschieden und sich zu bedanken. „Wir werden von den Menschen respektvoll behandelt“, betont sie. Dabei spiele es auch keine Rolle, ob eine Frau oder ein Mann in der Uniform stecke.

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erstellt am 23.Mai.2016 | 15:09 Uhr

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