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Flensburger Tageblatt

06. Dezember 2016 | 13:15 Uhr

Deponiestandort Harrislee : Was bedeutet sehr schwach radioaktiv?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Am Dienstag informiert das Land über seine Deponie-Pläne beim AKW-Rückbau – in Harrislee formiert sich schon eine Bürgerinitiative.

Wenige Tage, bevor das Kieler Energiewendeministerium am Dienstag ab 18.30 Uhr in der Harrisleer Holmberghalle seine Deponiepläne für Abfälle aus den Nebengebäuden der Atomkraftwerke Brunsbüttel und Geesthacht auf dem Balzersen-Gelände am Mühlenweg vorstellen möchte, formiert sich in der 11.500-Einwohner-Gemeinde der Widerstand. Der Harrisleer Ulrich Scholl, einst Chef des Regionalmarketings und Organisator des Minderheiten-Marathons „You:mm“, hat in den vergangenen Wochen zahlreiche Gespräche mit Nachbarn geführt – und festgestellt, dass viele Bürger sich ähnliche Fragen stellen. Eine davon: Warum müsse schnell vor dem Sommer entschieden werden, ob und an welchen der sieben Deponiestandorten im ganzen Land Teile jener 300.000 Tonnen Abfälle lagern sollen, die allein vom Atomkraftwerk Brunsbüttel in den nächsten mehr als 20 Jahren abgefahren werden sollen? Scholl: „Vor dem Hintergrund langer Halbwertzeiten fragen wir uns: Wieso ist hier Eile geboten?“

Der Internetauftritt der sich gerade gründenden Bürgerinitiative soll bereits heute Morgen unter der Domain www.baesh.de (Bürgerinitiative Atommüll-Einlagerung Stopp Harrislee) freigeschaltet sein. Hier habe man Informationen gesammelt und gebündelt, die sich kritisch mit der Thematik auseinandersetzen, man verweise aber auch auf die Informationen des Ministeriums, sagen die Harrisleer Angela und Jörg Wolff, die inhaltlich für die Initiative sprechen wollen: „Wir kritisieren die Freigabe von radioaktiven Stoffen aus der atomrechtlichen Überwachung und ihre Entsorgung über die konventionelle Abfallwirtschaft“, erklären sie. Eine weitere Frage, die Scholl & Co stellen: Kann der Mülltourismus durch ganz Schleswig-Holstein nach Harrislee nicht unterbunden werden, indem an Ort und Stelle auf dem Gelände der Atomkraftwerke deponiert wird?

Der Kieler Atomaufsicht zufolge sind lediglich rund zwei Prozent der Abfälle radioaktiv belastet. Die restlichen 98 Prozent könnten zur Verwertung beziehungsweise Lagerung auf einer Deponie frei gegeben werden. „Es sind keine radioaktiv belasteten, sondern emotional belastete Abfälle“, findet Ministeriumssprecherin Nicola Kabel.

Sogar aus Teilen der Umweltverbände sind inzwischen Misstöne zu hören: „Es schmerzt, wenn unser Umweltminister behauptet, dass dieser Abfall nicht radioaktiv sei“, kritisiert Karsten Hinrichsen, Atom-Experte des BUND. Grünen-Minister Robert Habeck und seine Fachleute bezeichnen das Material als nicht radioaktiv, weil die Strahlung unterhalb des gesetzlichen Grenzwerts von zehn Mikrosievert liege. Das ändere nichts daran, dass es dennoch schwach radioaktiv sei, entgegnet Hinrichsen. Der Grenzwert von zehn Mikrosievert basiere auf heute völlig überholten Annahmen. Allenfalls ein Mikrosievert hält der Brokdorfer für akzeptabel.

Bürgermeister Martin Ellermann und die Harrisleer Politik, die sich zunächst sehr reserviert geäußert hatten, wollen die Info des Ministeriums abwarten, bevor sie sich endgültig positionieren. Die Bürgerinitiative erklärte, die Veranstaltung am Dienstag sei ausschließlich eine Veranstaltung des Ministeriums. Vor der Veranstaltung sei man aber bereits ab 17.30 Uhr ansprechbar. Eine eigene Infoveranstaltung der Bürgerinitative soll in Kürze stattfinden. Termin und Veranstaltungsort würden zeitnah mitgeteilt.

 

 

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erstellt am 24.Jun.2016 | 18:52 Uhr

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