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Flensburger Tageblatt

09. Dezember 2016 | 20:29 Uhr

Wahlnachlese mit Magengrummeln

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

50 Zuhörer erfahren bei „lunch & lecture“ erste Analysen / Wiederauflage zum Ende des Semesters / Reaktionen von Flensburgern in den USA

Sandwiches und Couscous, Äpfel, Bananen und Dessert liegen auf den Tischen zum Mittag bereit. Doch die meisten Zuhörer scheinen zu vergessen zu essen. Vielleicht hat das Wahlergebnis den 50 Studenten, Dozenten und Gästen den Appetit verhagelt. „Lunch & Lecture“ heißt das Format, zu dem die Uni am Tag nach den Wahlen in den USA eingeladen hat.

Sibylle Machat, promovierte Dozentin am Institut für Anglistik und Amerikanistik, und ihre Kollegin Prof. Birgit Däwes haben am Morgen Wahlanalysen studiert. „Wir haben wahrscheinlich keine Antworten, aber wir wollen ins Gespräch kommen“, sagt Däwes vorweg. Machat erklärt kurz das „Electoral College“, mittels Grafiken, wie sich die Parteienlandschaft in den Bundesstaaten verändert hat und dass die Wählerschaft Hillary Clintons eher in den Städten lebe, während Donald Trump vor allem die Landbevölkerung überzeugt habe.

Eine Zuhörerin möchte wissen, wie die Erstwähler abgestimmt haben; Machat erläutert, dass die Menschen unter 25 Jahren eher demokratisch, diejenigen über 65 eher republikanisch votierten. Eine andere Zuhörerin fragt nach Reaktionen aus dem Ausland und eine weitere, ob Clintons Email-Affäre das Ergebnis beeinflusst hat. Birgit Däwes erinnert daran, dass kurz vor der Wahl nicht mehr über laufende Ermittlungen publiziert werden dürfe. Und Machat ergänzt, dass „ein Großteil jener Emails aus den Worten ’please print’ besteht“. Kurios: Machat zeigt Wahlzettel aus Kentucky und Arizona, wo noch andere Entscheidungen zu treffen waren und erklärt, dass etwa Marihuana „legaler“ geworden sei. „Jetzt brauchen sie es auch“, bemerkt eine Zuhörerin trocken.

Hätte ihre Favoritin Clinton gewonnen, wären die Erstsemester Inga Wulff und Michael Dwyer nicht zu dieser Veranstaltung gekommen. Doch der überraschende Wahlsieg Trumps weckte das Bedürfnis der beiden Lehramtsstudenten (Musik und Englisch). „Ich finde es gruselig, dass Trump so durchregieren kann“, sagt Wulff angesichts der republikanischen Mehrheiten. Beide hoffen auf die relativierende Wirkung der Gewaltenteilung. Zuhörer Scott Simpson aus dem Publikum gibt zu bedenken, wie es in ländlichen Gegenden aussieht und spricht von einer „dead city“ in Pennsylvania. „Ich hätte ihn nicht gewählt, aber ich verstehe, warum die Menschen so entschieden haben“, betont der 41-Jährige aus dem Staat New York. Simpson ist seit November Englischlehrer am Fremdsprachenzentrum. Er erklärt: „Es gibt eine Unzufriedenheit mit der Globalisierung, mit der Regierung in Washington.“

Noch in New York, ihrer Heimatstadt, weilt Barbara Winkler. Dort hat sie Wahlkampf für die Demokraten gemacht und kehrt am Freitag in ihre Wahl-Heimat Flensburg zurück. Darauf freue sie sich. Ihr entfährt ein tiefer Seufzer. Sie sei „deprimiert“ und hofft, dass „dieser Populismus“ auf bevorstehende Wahlen in Europa nicht ansteckend wirke.

Mit „apokalyptischer Stimmungsmache“ sei Trump der Sieg gelungen, beobachtet der Flensburger Musiker Martin Wind, der in den USA lebt. „Wir können nur hoffen, dass sich Trump mit einigen erfahrenen und anständigen Beratern umgeben wird“, sagt Wind.

Für den Präsidenten der Europa-Universität Flensburg ist die Wahl Trumps „ein Indiz der Spaltung und Polarisierung innerhalb der amerikanischen Gesellschaft.“ Der Amerikanist Werner Reinhart fordert: „Wir brauchen ein neues Versprechen Europas für die junge Generation. Das Friedens- und Wirtschaftsprojekt Europa muss ergänzt werden durch das Versprechen auf soziale Gerechtigkeit.“ Für die Europa-Uni bedeute dies, „Haltung dahingehend zeigen zu müssen, dass europäische Werte nicht verhandelbar sind“.

Jim Lacy, Professor im Studiengang Medieninformatik an der Hochschule Flensburg, übt sich in Galgenhumor und will lieber nur noch an Ameisen und die Kurzfilmtage im November denken. „Aber mal im Ernst“, sagt der Texaner, „wir in Europa können das echte Amerika jetzt nicht mehr länger ignorieren. Auch Angela Merkel wird nicht wagen, Trump-Kriege so zu unterstützen, wie sie damals den Irak-Krieg von Bush (und Hillary Clinton) unterstützt hat.“

Nach der Antrittsrede Trumps Ende des Semesters soll „Lunch & Lecture“ wiederholt werden.

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erstellt am 10.Nov.2016 | 12:59 Uhr

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