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Flensburger Tageblatt

02. Dezember 2016 | 21:15 Uhr

Tourismus : Von Kaufleuten und Fabelwesen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Stadtführerin Ann Jensen kennt viele Anekdoten über die Stadt und ihre Bewohner

„Wenn ich von Wikingern rede, haben alle immer das Bild von kämpfenden Räubern vor Augen“, sagt Ann Jensen, Stadtführerin der Tourismus-Agentur Flensburger Förde. Sie steht auf dem Nordermarkt beim Brunnen, umringt von einem knappen Dutzend Touristen und Einheimischen. Ihre Gäste nimmt Jensen mit auf eine Entdeckungstour vom Norder- zum Südermarkt, durch Kaufmannshöfe und kleine Gassen. „Diese gemischten Führungen ohne speziellen Schwerpunkt mache ich gern.“

Die Wikinger gründeten ihr Dorf auf der anderen Seite des heutigen Hafens. Dort betrieben sie einen regen Tausch und Handel. Doch an der Stelle konnten die immer größer werdenden Schiffen nicht mehr anlegen. Sie hatten zu viel Tiefgang für das flache Wasser. Deshalb siedelten sich die Wikinger am Nordermarkt an. Das Wasser in dem Teil des Hafenbeckens ist tiefer. „Und Ihnen sind hier in der Umgebung sicherlich schon die ganzen Orte aufgefallen, die auf Wik enden“, wendet sie sich direkt an die Gäste der Führung. „Dort haben die Wikinger zwar keine Dörfer gebaut, aber Handel betrieben.“

Die Stadtführerin geht wenige Schritte weiter und hält neben einer Haussäule mit einer geschmiedeten, silbernen Öse. Sie ist tief verankert in den rötlichen, großen Ziegeln des Mauerwerks. „Das Gebäude hier stammt aus dem Mittelalter, das ist an der Fassade gut zu erkennen. Diese Öse ist ein Teil des Prangers, der hier einmal stand.“ Seit 1884 gibt es in Flensburg Stadtrechte. Das heißt, dass jeder Bürger die gleichen Rechte hatte und nicht mehr das Recht des Stärkeren galt. „Der Galgen stand lange nahe der Förde. Die einfahrenden Schiffer hatten ihn immer zuerst vor Augen. Dann wussten sie, in der Stadt herrschten Gesetze, die auch durchgesetzt werden“, schildert Jensen. Ebenfalls auf dem Nordermarkt lag der öffentliche Misthaufen. Viele Bürger der Stadt hatten eigenes Vieh, aber nicht jeder hatte einen Acker. Deshalb lagerten sie den Dünger dort. „Jetzt können Sie sich denken, woher der Spruch kommt: Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen.“

Ann Jensen führt ihre Gruppe einige Meter weiter die Große Straße in Richtung Rathausstraße entlang. „Sehen Sie mal nach unten.“ Die Fußgängerzone ist gepflastert mit chinesischem Granit. Vor Torbögen, die überall in den Gebäudefassaden zu finden sind, sind metallene Formen auf dem Boden eingelassen. Sie sehen aus wie Gebäude-Umrisse. „Die zeigen, dass sich dahinter ein Innenhof verbirgt, welcher der Öffentlichkeit zugänglich ist, mit kleinen Läden und Restaurants.“ Die Innenhöfe in Richtung Förde sind größer als die auf der anderen Seite der Großen Straße. Erstere waren die Höfe der Kaufleute, letztere die der Handwerker. „Die Kaufleute brauchten die Nähe zum Wasser und den Platz für Speicher und Kontor.“ Die Speicher gehen über mehrere Stockwerke, die Waren wurden mit Seilzügen hochgezogen. Die großen Fenster in den Türmen sind zum Land gerichtet. Damit ließen sie sich leichter gegen Piraten verteidigen.

„Der Zucker war damals wichtig, besonders für den Kaffee“, sagt die Stadtführerin schmunzelnd. Denn der Kaffee wurde zu Zeiten der Kaufleute sehr stark gekocht. „Damit wollten sie zeigen, wie gut sie da stehen, dass sie mit Kaffee nicht sparen müssen. Aber so war der Kaffee nicht mehr genießbar.“ Deshalb brauchten sie dann Zucker, der ein wahres Luxusgut war: Ein kleiner Klumpen kostete 350 Gramm Gold.

In den Kaufmannshöfen ist nicht nur Architektur und altes Handwerk zu entdecken, sondern auch ein skandinavischer Hausgeist. Im Hof des Borgerforeningen ist ein Nisse aus Holz auf der großen Kastanie zu entdecken. „Der Nissemann ist ein skandinavisches Fabelwesen. Nur Kinder können ihn sehen. Er hütet Haus und Hof, wenn er gut behandelt wird“, erklärt Jensen. Zudem sei er eine gute Ausrede für Kinder, die Unordnung verursacht haben: „Wir waren das nicht, der Nisse war es!“

Auch die Statue einer Nixe ist an der Großen Straße auf dem Holm zu finden. Sie ist ein Wasserwesen. Die Nixen verlieben sich häufig unglücklich in Seeleute, die sie gerettet haben. Doch sie kommen nie zusammen. Er braucht die Luft zum Atmen, sie benötigt das Meer.

Am Ende der Tour verrät Jensen, wie leicht es ist, sich in Flensburg zurechtzufinden. „Der Nordermarkt ist der Kopf des Fisches, der Südermarkt der Schwanz, von der Großen Straße gehen die Gräten ab. Bergab werden irgendwann die Füße nass und bergauf die Stirn.“

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erstellt am 05.Sep.2016 | 16:04 Uhr

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