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Flensburger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 15:26 Uhr

Von Island nach Afrika

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Konzertreihe der Flensburger Hofkultur ging gestern zu Ende – musikalische Glanzlichter und Karibik-Flair

Was macht glücklich und baut Stress ab? Natürlich Schokolade! Das weiß auch der Sänger, Songwriter und Schauspieler Egill Olafsson (63) und empfiehlt den Zuschauern die Einnahme von Zucker, Schoko und Kuchen („Don’t hesitate!“), bevor der den Song „I’m a Pudding“ anstimmt. So skurril wie dieser Titel kommt der gesamte Auftritt des Reykjavik-Projekts am Freitag im Schiffahrtsmuseum daher, das der deutsch-peruanische Musiker, Poet und Aktionskünstler Heinz Ratz aus der Taufe gehoben hat. Es dürfte sich um das ungewöhnlichste Konzert der diesjährigen Hofkultur gehandelt haben.

Sphärische Gesänge von Ragga Gröndal kontrastieren mit Hip-Hop-Elementen, von der grandiosen Landschaft Islands inspirierte Naturlyrik („Zwischen Steinen und Himmel bewegt ich das ganze Leben“) wechseln mit politisch engagierten Texten. Ein Blues zu später Stunde wird vom Publikum genauso goutiert wie die gesamte Performance, die sich jeder Schublade entzieht. Moderiert wird unterhaltsam und alternierend auf Deutsch und („für die Dänen“) auf Englisch. Und natürlich darf der Song „Das Glück“ nicht fehlen – garniert mit einer Botschaft: „Hingabe ist, wenn du ein Schwert brauchst“, sagt augenzwinkernd Heinz Ratz, der von der Muse geküsste Kosmopolit.

Der Tag darauf an gleicher Stelle war von einem ganz anderen Kaliber: Vielleicht war es nicht allen Besuchern des diesjährigen afro-karibischen Hoffestes im Schifffahrtsmuseum bewusst, dass sie auch ein handfestes Stück Flensburger Geschichte nachvollzogen – sie erlebten in erster Linie eine bunt-fröhliche Feier mit zahlreichen Musikgruppen, kulinarischen Köstlichkeiten und guten Informationsmöglichkeiten. Doch die Location selbst mit ihrem Rum- und Zucker Markt und vielen traditionellen Exponaten sowie die zahlreichen exotischen Angebote und informativen Vorträge ließen durchgehend anklingen, dass die Fördestadt ihren Anteil an der Geschichte des internationalen Kolonialismus hatte.


Kulturdurst und Rumverkostung


Michael Kelbch aus Weesby hatte über die Veranstaltung im Rahmen der Hofkultur gelesen und war nach Flensburg gekommen, weil er die Musik mag und die Karibik als Urlaubsziel schön findet. Vorerst begnügte er sich mit einer Rumverkostung, mit einem 20 Jahre alten Rum aus der Dominikanischen Republik, der zudem ein Jahr in einem Portweinfass gelagert war. „Der beste Rum, den ich je getrunken habe“, sagte er angetan.

Neugierige Besucher konnten an zahlreichen weiteren Ständen ihren Wissens- und Kulturdurst stillen. Wie schmeckt eigentlich echtes Zuckerrohr, zerhackt mit einer Original-Machete? Warum ist „geblasenes Zuckerdekor“ ein in Vergessenheit geratenes Konditorhandwerk? In der Karibik wächst zwar kein Tee, aber der Bonjour Thé Vert, Typ Morgentau „vermittelt wahres Samba-Feeling“, wie Teebuch-Autor Rainer Schmidt versprach. Im Hof deuteten Kaffee, Rum und Zucker aus Kuba aus fairem Handel ihre eigene Geschichte an. An der Haifischbar-Filiale gab es exotische Cocktails, vegane Speisen von Mollie & Alf machten Appetit mit Black Bean-Burritos mit Kochbanane und Mango-Salsa. Kleine Besucher konnten mit ihren Mamas und Papas in der Klappern-Macherei eigene Instrumente basteln. Auch afrikanische Glasperlen und Mode samt Accessoires waren zu sehen. Die wurde zudem in einer lebhaften „Afrikanischen Modenschau“ auf und vor der Bühne präsentiert – ein echtes Highlight dieses Hoffestes der besonderen Art, nicht zuletzt durch die humorvolle Moderation von Bacar Gadji aus dem Senegal. „Das war mal etwas Anderes mit tollem kulturellen Hintergrund“, kommentierten die Flensburgerinnen Roswitha Lindahl und Ute Rüdiger, die sich köstlich amüsierten.

Für Seriöses zum Thema sorgten Vorträge von Bacar Gadji („Mein Weg hierher“) oder „Post Colonial?“ der Karibik-Künstlerin La Vaughn Belle (siehe nebenstehender Artikel). Heiße Rhythmen von Riddim Posse (abends auch als Hofkultur-Event), dem Basiru Suso-Trio aus Gambia, einer pan-afrikanischen Djembe-Session und besonders von Diamoral aus dem Senegal mit artistischer Tanzperformance sorgten für mitreißende Stimmung, zu der auch das Tanzbein von einigen der rund 1000 Besucher geschwungen wurde. „Wir sind sehr glücklich mit dem Reichtum dieser afro-karibischen Mischung“, zog Museumsleiter Thomas Overdick Bilanz. Veranstaltungen dieser Art verstehe das Schifffahrtsmuseum zudem als Ansatz, einen „Diskurs über die koloniale Kultur Flensburgs“ anzustoßen.

Die 22. Flensburger Hofkultur beschloss gestern Vormittag das Duo Fado Instrumental im Krusehof. Es folgt die Kinderhofkultur vom 31. August bis zum 2. September – wie immer auf dem Marienkirchhof.

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erstellt am 14.Aug.2016 | 18:43 Uhr

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