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Flensburger Tageblatt

28. August 2016 | 04:12 Uhr

Jubiläum : Von der Lateinschule zum modernen Gymnasium

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Alte Gym feiert 450. Geburtstag: Am 19. Juli 1566 ermöglichte Lütke Namens mit seiner Stiftung die Gründung von Flensburgs ältester Schule

Ein Dutzend Jahre ist es her, dass ein Mann namens Christoph Kindl in seinem Sommerurlaub Flensburg entdeckt. Mit seiner Frau schlendert er über den Museumsberg – und steht plötzlich vor dem Alten Gymnasium. „Es war gerade die große Pause und das Bild auf dem Schulhof wirkte atmosphärisch so nett“, erinnert sich der 43-Jährige. Am 1. April 2014 wird Kindl offiziell in das Amt des Schulleiters am Alten Gym eingeführt und artikuliert in seiner Ansprache den „großen Willen zu gestalten, und nicht gestaltet zu werden“.

450 Jahre ist es her, dass ein gewisser Lütke Namens mit seinem Testament Geschichte schreibt. Darin bestimmt der letzte Mönch des früheren Franziskaner-Klosters im Süden der Stadt einen Teil des von seinen Eltern geerbten Vermögens sowie ein neu errichtetes Gebäude zum Grundstock einer künftigen Schule. Am 19. Juli 1566 wird das „gymnasium trilingue“ (mit den Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch) vom dänischen König Frederik II. aufgrund der Stiftung gegründet – es soll laut Testament als Vorbereitung auf ein Theologie-Studium zwecks Rekrutierung des katholischen Nachwuchses dienen. Fünf Lehrer unterrichten anfangs – der Rektor, Konrektor, Kantor, Quartus und Quintus.

Das Alte Gymnasium ist die älteste Schule der Stadt sowie eine der ältesten im gesamten deutschen Sprachraum. Es ist das einzige Gymnasium der Stadt, an dem Latein (neben Englisch) als erste Fremdsprache gewählt werden kann. Dem Gründer ist der „Lütke-Namens-Saal“ gewidmet, der als Mehrzweckhalle für Klausuren, Versammlungen, Theater- und Musicalaufführungen sowie Konzerte genutzt wird.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts soll die Schülerzahl etwa 50 (heute 870) betragen haben. 1850 wächst sie auf dreihundertfünfzig an, die der Lehrer auf ungefähr zwanzig. Ein Realzweig mit kürzerer Schuldauer, modernen Fremdsprachen und Naturwissenschaften wird eingerichtet. Die Schülerzahl steigt weiter – fast 600 Schüler drängen sich inzwischen in dem alten Gebäude am Klostergang. Pläne für einen „hochnotwendigen“ Neubau werden geschmiedet.

In den Jahren 1912 bis 1914 entsteht das stadtbildprägende Gebäude mit dem hoch aufragenden Turm neben dem ehemaligen Restaurant und Tanzlokal „Bellevue“ auf der Westlichen Höhe. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, melden sich viele Schüler als Freiwillige mit Notabitur. Der ehemalige Schulleiter Wolfgang Weimar (1972 bis 1981) weiß in einem Abriss zur Schulgeschichte von den Auswirkungen auf den Unterricht zu berichten: „Stolz auf die Siege, Überzeugung vom eigenen Recht, ja Verachtung der Gegner zeigen sich dabei oft. Der schwerste Eingriff aber waren die Kriegsverluste.“ Ein Drittel des Kollegiums fiel – ebenso wie 144 Schüler.

Erst am 28. August 1920 kann man in den repräsentativen Bau einziehen. Das Inventar der Schule tragen die Schüler selbst in einer feierlichen Prozession durch die Stadt in das Schulhaus. Einige Besonderheiten sind augenfällig: Die Turmuhr erweist sich als äußerst unzuverlässig – und wird von Schülern bisweilen, aber meist vergeblich als Entschuldigung für eine Verspätung ins Feld geführt; erst mit der Erneuerung 1986 klappt es besser mit der korrekten Anzeige. Die Aula ist mit einer Orgel ausgestattet, auf der an jedem Montag Morgenandachten begleitet werden. Die Stirnwand des großen Saals wird zwei Jahre nach der Eröffnung von einem expressionistisch ausgestalteten Bild der Flensburger Malerin Käte Lassen geschmückt, das heute noch ein Blickfang ist.

Die NS-Zeit bildet erneut eine harte Zäsur. Die Fächer Biologie und Geschichte erhalten ein neues Gesicht, die Leibesübungen ein neues Gewicht: Sie werden eine „Erziehung zur Härte“ – mit Wehrsport und Boxen als zentralem Bestandteil. Heute undenkbar: Ein „mangelhaft“ kann durch keine guten Leistungen in geistigen Fächern mehr ausgeglichen werden. Das Gegenteil ist allerdings der Fall, wenn man sich in der Hitlerjugend engagiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das im Frühjahr 1944/45 abgebrochene Schuljahr wieder aufgenommen. „Aber unter welchen Bedingungen!“, schreibt Wolfgang Weimar. „Keine Bücher, keine Hefte, Unterricht in ungeheizten Räumen, mit hungernden Schülern in meist uralter, schadhafter Kleidung.“

Zeitsprung ins Jahr 1966: Das Schulgebäude erhält einen dringend benötigten Anbau, für den noch heute der Name „Neubau“ obligatorisch ist. Hauptsächlich die Naturwissenschaften finden hier eine neue Heimat. Zuvor müssen Teile des Unterrichts in der Duburg-Kaserne als Notunterkunft verlagert werden. 20 Jahre später wird die Sporthalle eingeweiht.

Aus dieser Zeit ist überliefert, dass Schulleiter Dieter Wienicke das Küssen auf dem Schulhof verbieten wollte. Das veröffentlicht die Schülerzeitung „Der Turm“ exklusiv. Der ansonsten eher liberal agierende Wienicke argumentiert, das Küssen sei ein Verstoß gegen die Pflicht zur gegenseitigen Rücksichtnahme. Es sei eine „den Mitschüler missachtende und gefährdende Rücksichtslosigkeit“. Ein kleiner Indikator dafür, dass dem Alten Gymnasium der Ruf einer erzkonservativen Schule mit oftmals autoritär agierenden Lehrkräften vorauseilt. Das hat sich glücklicherweise geändert. „Wir sind sicher, das elitär Verstaubte längst abgeschüttelt zu haben“, sagt Christoph Kindl. „Es spiegelt sich in den erfreulichen Anmeldezahlen wider.“

Tatsächlich hat sich die Schule als reformfreudig und innovativ im „sportlich-fairen Wettkampf“ mit den anderen Gymnasien der Stadt erwiesen. Kindl: „Wir müssen uns immer kritisch hinterfragen und kontinuierlich erneuern.“ Nach dem jetzt herauswachsenden Abitur-Jahrgang wird es ein reines G8-Gymnasium sein. Die Umstellung wird durch Hilfsangebote (Schüler helfen Schülern) unterstützt, durch von Fachlehrern betreute Kurse für die jüngeren Jahrgänge. Es gibt Sprachen-, Sport, Musik- und Methodenklassen – ab dem 6. Jahrgang eine Forscherklasse mit Schwerpunkt Naturwissenschaften, Informatik, Technik und bilingualen Unterricht.

Zudem ist die Schule das erste gymnasiale DaZ-Zentrum landesweit. 28 Schüler mit Migrationshintergund werden individuell beschult – ihren sozialen Voraussetzungen und Lernbiografien entsprechend. „So werden sie von vornherein in die Klassengemeinschaft integriert“, sagt Kindl. Das Offene Ganztagsangebot umfasst ein warmes Mittagessen, Arbeitsgemeinschaften und einen differenzierenden Förderunterricht. Die Kooperation mit dem Verein „get in touch“, der sich für die Förderung des Nachwuchshandballs einsetzt, sowie des Schwimmverbandes vor Ort, ist eine weitere Errungenschaft der Schule, die jüngst zur „Talentschule des Leistungssports“ durch den Landessportverband ernannt wurde.

Christoph Kindl schwärmt nicht nur von einer „unwahrscheinlich netten“ Schülerschaft, sondern auch von einem hochmotivierten Kollegium. Das schlägt sich in kleinen Gesten und im täglichen Umgang nieder. Der Schulleiter hat allen Lehrern das Du angeboten – und dem Hausmeister ebenso.

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erstellt am 11.Feb.2016 | 13:57 Uhr

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