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Flensburger Tageblatt

10. Dezember 2016 | 17:45 Uhr

Nachfolgerin von Simon Faber : Video: Simone Lange ist neue Oberbürgermeisterin in Flensburg

vom

Sie gewinnt deutlich: mit 51,4 Prozent nach Auszählung aller Stimmen.

Flensburg | Die SPD-Landtagsabgeordnete Simone Lange hat die Flensburger Oberbürgermeisterwahl bereits im ersten Wahlgang für sich entschieden. Amtsinhaber Simon Faber ist damit abgewählt. „Was mache ich jetzt nur mit den Plakaten für die Stichwahl?“, fragte Lange am Sonntag freudestrahlend nach der Auszählung der Stimmen. Sie wird nun die erste Frau im Spitzenamt der Fördestadt.

Der Moment, als Simone Lange von ihrem Sieg erfuhr - und die Reaktionen der anderen Kandidaten im Video:

Die 39-Jährige, die von einem Bündnis aus SPD, CDU und Grünen unterstützt worden war, erzielte 51,4 Prozent (12.103 Stimmen). Der von der Partei der dänischen Minderheit (SSW) unterstützte Oberbürgermeister Faber kam auf 22,8 Prozent (5363). „Die Strategie der Simone Lange ist aufgegangen“, sagte Faber nach seiner Niederlage. Zumindest eine Stichwahl habe er sich erhofft, auch wenn „klar war, dass es nicht leicht werden würde“.

Die breite Koalition war Lange zufolge „ein Signal an die Bevölkerung, dass es um Ideen für die Stadt geht und eine Personenwahl ist“. Dass es mit ihr gleich im ersten Wahlgang klappt, damit habe sie angesichts dreier Gegenkandidaten jedoch nicht gerechnet: „Es ist überwältigend. (...) Im Wahlkampf weiß man nicht, ob das, was man tut, ankommt“, sagte die Politikerin, die von Beruf Polizistin ist. Außer ihr und Faber hatten sich auch FDP-Stadtrat Kay Richert (17,6 Prozent, 4156 Stimmen) sowie der parteilose Optiker Jens Drews (8,3 Prozent, 1945 Stimmen) beworben.

Ob es außer personellen auch inhaltliche Gründe für den Wahlausgang gab, vermochte Noch-Oberbürgermeister Faber nicht zu sagen: „Ich meine, dass ich Flensburg in einem erheblich besseren Zustand hinterlassen habe, als ich es vorgefunden habe“, sagte er. Dagegen sei es „eine historische Ausnahme“, dass der SSW in der Stadt den Oberbürgermeister stellen konnte, sagte Faber, der noch bis 15. Januar in der drittgrößten Stadt Schleswig-Holsteins amtiert. Ob man im kommenden Jahr den SSW-Landtagsabgeordneten Simon Faber sehen wird? „Das glaube ich nicht“, sagt er und geht zum nächsten Interview.

„Sie wird als Oberbürgermeisterin mehr bei den Bürgern sein“, sagt Florian Matz, der neue SPD-Vorsitzende. Es werde in der Ratsversammlung weiter Kooperationen geben, aber keine Koalition. „Wir werden sicher nicht immer gemeinsam abstimmen.“

„Ich erwarte eine effektive Politik“, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende Frank Markus Döring. Als Ziele nennt er den Abbau von Soziallasten und die Rückführung der Schuldenlast, zudem brauche Flensburg bessere Arbeitsplätze. „Ich bin überzeugt, dass sie mit allen zusammenarbeiten wird“, so Döring.

Sein Parteichef Arne Rüstemeier meint, dass  die „direkte Ansprache“ Langes „ganz wichtig war“, bei einer Direktwahl zähle die Sympathie. Mit einem solch „vernichtendem Ergebnis“ für den Amtsinhaber hat der Christdemokrat Rüstemeier indes nicht gerechnet. Und er hält es auch nicht für gerechtfertigt. „Menschlich tut es mir leid.“ Solche Stimmen sind an diesem emotionalen Abend in der Bürgerhalle im und aus dem Rathaus viele zu vernehmen – auch aus dem „gegnerischen“ politischen Lager.

„Es ist gut für Flensburg, dass wir ein eindeutiges Votum haben“, sagt Susanne Herold, langjährige CDU-Vorsitzende und ehemalige Landtagsabgeordnete. Wie viele andere Beobachter war sie ebenfalls  von einer Stichwahl ausgegangen. Simone Lange hält sie für eine engagierte Kämpferin, die vor allem durch ihr Handeln beim Thema Flüchtlinge an  Bekanntheit gewonnen habe.

„Überwältigt“ zeigt sich auch Ellen Kittel-Wegner, Fraktionschefin der Grünen im Rat. Mit diesem Erdrutschsieg habe sie nicht gerechnet, das sei großartig. Dass die neue Oberbürgermeisterin von der SPD komme, sei nicht wichtig: Es komme darauf an, mit allen Menschen in der Stadt Flensburg voranzubringen. Und das werde Simone Lange tun.

Schleswig-Holsteins Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) kritisierte angesichts dessen am Wahlabend auch das breite Lange-Bündnis: „Worüber ich mich geärgert habe, ist, dass auch die CDU mit ins Boot geholt wurde, da sie auf Landesebene etwa konsequent gegen den kommunalen Finanzausgleich gestimmt hat, von dem auch Flensburg profitiert.“

Ministerpräsident Torsten Albig (SPD), der 2008 in Kiel einst selbst eine Amtsinhaberin aus dem Oberbürgermeister-Sessel stürzen konnte, hob in einer Stellungnahme hervor: „Simone Lange wird eine hervorragende Oberbürgermeisterin aller Flensburgerinnen und Flensburger sein.“ Die Wahlbeteiligung lag mit 31 Prozent immerhin leicht über dem Wert von 2010.

Die Zwischenstände zum Nachlesen:

19:04 Uhr: Simone Lange liegt nach Auszählung von 43 (von 44) Wahlbezirken vorne - es deutet sich ein Sieg an.

18:48 Uhr: Simone Lange liegt noch immer vorne mit 51,5 Prozent.

 

18:31 Uhr: 17 von 44 Wahlbezirken sind ausgezählt: Simone Lange liegt bei 50,8 Prozent, Simon Faber bei 23,7 Prozent, Kay Richert bei 16,5 Prozent und Jens Drews bei 9 Prozent.

18:26 Uhr: Erste Hochrechnungen ergeben über 50 Prozent für Simone Lange.

Erste Hochrechung: über 50 % für Simone Lange #oberbürgermeisterwahlflensburg

Ein von shz.de (@shz.de) gepostetes Video am

Jens Drews.
Jens Drews. Foto: Victoria Lippmann

Kandidat Jens Drews ist im Rathaus. Er habe ein „sehr gutes Gefühl“, sagt er, „egal, was passiert“. Er freue sich über die voraussichtliche hohe Wahlbeteiligung.

Langsam füllt sich der Bürgersaal im Rathaus.
Langsam füllt sich der Bürgersaal im Rathaus. Foto: Victoria Lippmann
 


Vor der Wahl hatten die Redakteure Carlo Jolly und Joachim Pohl die Kandidaten zehn Minuten lang mit Fragen gelöchert - hier noch einmal die Videos:

1. Simon Faber

Wer ist Simon Faber?

Der 47-jährige Simon Faber ist seit Anfang 2011 Flensburgs Oberbürgermeister. Und der Titelverteidiger, gerade von Weiche nach Kauslund-Osterfeld umgezogen, fände es nicht schlecht, noch einmal sechs Jahre zu gestalten.

Baustellen gab es einige, als der damals 42-jährige vom Beobachter zum Akteur wurde. Zuvor war er als Referent der dänischen Minderheit im Kopenhagener Parlament tätig gewesen, ab 15. Januar 2011 war der studierte Germanist und Musikwissenschaftler für die Verwaltung und Entwicklung des regionalen Oberzentrums Flensburg mit fast 90.000 Einwohnern verantwortlich – und stand gleich mitten im Sturm.

Die Nospa wurde nach der Übernahme der überschuldeten Flensburger Sparkasse von schweren Nachbeben geschüttelt, die Stadtwerke hatten sich als zu klein geratener Global Player gefährlich übernommen, das in privat-öffentlicher Partnerschaft gebaute Campusbad drohte zum Millionengrab zu werden, und dann war da noch die letzte Amtshandlung des Vorgängers, diese Ansiedlung der Flugboote-Firma an der Harniskaispitze, mit der Flensburg bundesweit zur Lachnummer wurde.

Die vergangenen fünf Jahre, räumt Faber ein, seien für ihn, den Seiteneinsteiger, nicht immer und in jeder Phase prickelnd gewesen. „Als Beobachter kannte ich das Geschäft schon, von außen“, sagt er. „Auf der Innenseite war es dann aber doch anders.“ Zum Glück sei Kommunalpolitik jenseits der Schaukämpfe meist Ansporn für alle Agierenden. „Es gibt ein weitaus größeres Miteinander, als viele Außenstehende glauben.“

Unter diesem Stern stand für Faber das Engagement der deutsch-dänischen Region für die Bewerbung Sonderburgs als europäische Kulturhaupstadt 2017. Auch wenn am Ende Aarhus den Zuschlag bekam: Für die Region gab es viele Erkenntnisse und auch jetzt, vier Jahre danach, interessante Effekte. Zu den Effekten zählt Faber ein stärkeres Zusammenrücken, eine gewachsene deutsch-dänische Normalität.

 

2. Simone Lange

Wer ist Simone Lange?

Simone Lange (39) ist Landtagsabgeordnete und wird bei der Wahl von CDU, SPD und den Grünen unterstützt. Wird sie am 5. Juni oder bei einer möglichen Stichwahl gewählt, wäre sie die erste Frau an der Spitze der Flensburger Verwaltung. Und dazu vielleicht auch der jüngste Rathaus-Chef aller Zeiten. „Für mein Alter und mein Geschlecht kann ich nichts“, kommt die prompte Absage an dieses Thema.

Sie kandidiere, weil Flensburg ihr eine Herzensangelegenheit sei. „OB sein zu können, ist eine persönliche Chance“, räumt sie ein. „Ich habe einfach Lust darauf.“ Gestalten mache ihr Freude, sie sei ein kreativer Mensch.

Simone Lange ist in Thüringen aufwachsen, sie stammt aus Rudolstadt. Nach Schleswig-Holstein kam sie durch ihren Beruf. Anders als in vielen anderen Bundesländern konnte sie hier mit Abitur gleich im gehobenen Dienst der Landespolizei beginnen. „Ich suchte einen Beruf, in dem ich für Gerechtigkeit sorgen kann.“

Für viele Flensburger ist die 39-Jährige nach wie vor das Gesicht der Flüchtlingshilfe. In den Wochen nach dem 9. September hat sie sich mehr als eine Nacht am Bahnhof um die Ohren geschlagen, war ständig erreichbar und avancierte zu einer der Koordinatorinnen der zahlreichen Hilfsaktionen.

 

3. Kay Richert

Wer ist Kay Richert?

Kay Richert (43) war schon 2010 angetreten, um den scheidenden Oberbürgermeister Klaus Tscheuschner abzulösen und hatte sich mit 2671 Stimmen und Platz 4 von neun Bewerbern überraschend gut geschlagen. Richert möchte die konservativ-liberale Option abbilden, die von der CDU offenbar nicht gewollt gewesen sei. „Wir hatten frühzeitig sondiert, ob die CDU nicht mit der FDP eine Allianz für einen bürgerlichen Kandidaten bilden könnte. Leider vergeblich.“

Der Objektmanager des Bundeswehrdienstleistungszentrums Husum bezieht seine Motivation in erster Linie aus der Nominierung von Simone Lange, die er dem linken Flügel der SPD zurechnet. Neben dem befürchteten Linksruck durch die gemeinsame Kandidatin macht ihm der „monolithische Block“ der drei unterstützenden Fraktionen Sorgen, der dann mit satter Mehrheit in Flensburg „durchregieren“ könne.

 

4. Jens Drews

Wer ist Jens Drews?

Er ist der Kandidat ohne stützende Ratsfraktion: Der 51-Jährige tritt als unabhängiger Kandidat an. „Ich bin hier aufgewachsen, liebe Flensburg und möchte dazu beitragen, dass die Stadt weiter wächst“, sagte der selbstständige Optiker und Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung Flensburger Gilde. Seine Netzwerke seien so gut aufgestellt, dass er etwas bewegen könne.

Drews zielt auf bürgerliche Wähler und hofft auf den Rückhalt der FDP, für die er bei der Kommunalwahl 2008 angetreten war, und weiterer Parteien. „Ich möchte aber unbedingt parteilos bleiben. In fast allen Programmen gibt es unterstützenswerte Punkte“, sagte er. Drews ist in zweiter Ehe verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

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erstellt am 05.Jun.2016 | 22:43 Uhr

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