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Flensburger Tageblatt

08. Dezember 2016 | 01:16 Uhr

Natur wuchert vor sich hin : Verliert Flensburg seine Ostufer-Parks?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Anwohner, Naturschutzbeirat und Verschönerungsverein blicken mit Sorge auf die Entwicklung im Volkspark und in der Twedter Mark

Flensburg | Ein Landschaftspark ist nach der landläufigen Lesart eine große Fläche, die sich der Gartenkunst oder der Landschaftsarchitektur unterordnet – mithin ein gestalteter Raum. Wenn die Flensburgerin Ulla Pantel ihren täglichen Spaziergang durch die Twedter Mark unternimmt, bewegt sie sich formal im Landschaftspark Twedter Mark. Zu sehen ist von einem Park aber nichts mehr. „So wie es aussieht, hat die Stadt diese Naherholungsfläche aufgegeben“, klagt Pantel.Und es ist nicht die einzige. Auch der Volkspark wird weitgehend sich selbst überlassen, das Spardiktat geht zunehmend zu Lasten des städtischen Erscheinungsbildes, klagen auch der Verschönerungsverein und der Naturschutzbeirat.

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Foto: Grafik: Yalim
 

Die Mürwikerin Pantel verfolgt im Naherholungsgebiet am Ostufer täglich den rapiden Niedergang. Auf den Wiesen, die sich sanft zum Fördehang neigen, machen sich im hohen Gras zähes Gestrüpp und junge Bäume breit. Wege und Pfade werden von dichten Brombeerhecken und hohen Brennesselfeldern beengt, woanders breiten sich Bärenklau-Kolonien aus.

Hinzu gesellt sich der eingewanderte, sehr aggressiv wachsende japanische Knollenknöterich. Die Pflanze wächst schnell, sehr hoch, unterwandert das gesamte Gelände und erledigt zuverlässig in seinem ewigen Schatten die heimische Flora. Ausgangspunkt, so Pantel, war ausgerechnet ein brach liegendes städtisches Pachtgrundstück. Keine Frage: Hier lädt die Umgebung nicht mehr zum Verweilen ein, da ist es nur folgerichtig, dass das TBZ als zuständiger Pflegedienst die Papierkörbe an den Tischen und Bänken längst abgeschraubt hat.

Jürgen-Uwe Maßheimer, Flensburgs Naturschutzbeauftragter, kann Pantel nur zustimmen. Resigniert zustimmen. Denn schon vor vier Jahren hat er vergeblich versucht, für den Landschaftspark eine höhere Pflegestufe zu erreichen. Die Twedter Mark befindet sich gemeinsam mit dem Volkspark nämlich in der Todesgruppe der Grünflächen. Pflegestufe 4 bedeutet: es gibt keine gärtnerische Pflege mehr, die ursprüngliche Substanz der Fläche wird aufgezehrt. Nur Stufe 5 ist schlimmer: Extensiv-Fläche.

Barbara Hartten, technische Leiterin im TBZ, bestätigt: Nur alle drei Jahre wird gemäht und geschnitten, mit ein bisschen Glück auch beweidet – das war’s. Der weitere Weg der Landschaftsparks ist für Maßheimer damit vorgezeichnet. „Das ist zum Leben zu viel und zum Sterben zu wenig“, sagt er. „Dabei gibt es für die 17 ha große Twedter Mark ein immer noch gültiges Konzept aus den 90er Jahren: Das sieht hier eine Wiesenlandschaft mit Solitärbäumen vor.“

Maßheimer befürchtet, dass das Gelände mittelfristig zum Wald wird. Die Crux sei die kategorische und unflexible Deckelung durch die Pflegestufenliste. „Es fehlt an Geld, an Arbeitsstunden und leider auch an einer politischen Mehrheit, dieses Konzept zu überprüfen.“

Barbara Hartten hat für die Pflege sämtlicher städtischer Grünflächen gerade mal zwei Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Das ist Ergebnis eines 2003/2004 eingeleiteten Kurswechsels der Stadt, als Beitrag zur Haushaltskonsolidierung bei der Grünpflege nur noch das Nötigste zu machen. 2011 wurde der jährliche Zuschuss aus über ein Jahrzehnt eingefrorenem Etat nochmals um 100.000 Euro gekürzt. „Wir könnten mehr machen, aber dazu brauchen wir einen politischen Beschluss“, sagt Harrten.

Damals hatte ihr Vorgänger die politischen Vertreter eindringlich vor dem gewarnt, was jetzt einzutreten scheint: Das Resultat werde ein ungepflegter Gesamteindruck sein, Vermüllungstendenz, Degeneration, warnte Dietmar Drews im Mai 2011 die zum Kürzungsbeschluss angetretene Kommunalpolitik. „Sollten wir uns eines Tages entscheiden, diese Entwicklung wieder rückgängig zu machen, wird ein Vielfaches an Geld fällig!“

Wie damals ist auch Flensburgs ästhetisches Gewissen nicht amüsiert. „Es ist einfach nur traurig für das Stadtbild und auch für die Wahrnehmung der Bürger, wenn hier ein schöner Ort in Tristesse versinkt“, kritisiert Friedrich Schreiber, Vorsitzender des Verschönerungsvereins. Schreiber befürchtet, dass die Parkpflege wegen der fortschreitenden Verwilderung bald mit dem Naturschutz kollidieren könnte, und empfiehlt dringend, die Naherholungsflächen nicht von der doch grundsätzlich positiven Gesamtentwicklung im Stadtbild abzukoppeln.

„Wir brauchen eine zusammenhängende Planung für das Stadtgrün, so, wie wir das auch für Teile des Hafens machen“, fordert Schreiber und kündigt eine baldige Initiative für die Rettung der städtischen Naherholungsflächen auf dem Ostufer an. „Ich weiß, es ist ruhmreicher, rote Bänder bei ehrgeizigen Bauprojekten zu durchschneiden. Aber auch das Stadtgrün ist wichtig. Die Politik muss sich bekennen!“

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erstellt am 11.Aug.2016 | 18:10 Uhr

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