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Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 07:08 Uhr

Ralf Stegner trifft Martin Schulz : US-Wahl und Brexit schnell erklärt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

SPD-Vize Ralf Stegner trifft EU-Parlamentspräsident Martin Schulz – die Tops und Flops des Abends.

Kiel | Die Ehefrau von Martin Schulz sitzt oft mit einem Fernglas im Gras des heimischen Gartens, Ralf Stegner hat Qualitäten eines Propheten – zwei Erkenntnisse der Polittalk-Reihe „Stegner trifft...“. Der SPD-Vizechef und Landesvorsitzende hatte in Kiel den EU-Parlamentspräsidenten zum lockeren Live-Plausch vor mehreren Hundert Menschen geladen. Und der „Europabeauftragte“ Schulz – auf der SPD–Homepage zum Talk so bezeichnet – erklärte mit Stegner die Welt. Warum sich der Besuch der Veranstaltung gelohnt hat – und warum man auch hätte zu Hause bleiben können, erklären wir hier mit Tops und Flops.

Top: Die Einordnung der US-Wahl

Beherrschendes Thema des Abends war der Wahlsieg von Donald Trump. Stegner, der nicht nur gerade selbst aus dem Wahlkampf für Hillary Clinton im „Swingstate“ Ohio zurückkam, sondern vor Jahren auch noch quasi prophetisch zum Thema „Theatralische Politik in den USA“ promoviert hat, liefert Erklärungen für das Wahlverhalten der Amerikaner. „Amerika ist ein sehr, sehr gespaltenes Land“, so Stegner. Das beziehe sich nicht nur auf die Spaltung zwischen Demokraten und Republikanern, sondern auch auf die tiefen Risse zwischen Alt und Jung, Reich und Arm, Land und Stadt. Man müsse aus den Fehlern Amerikas lernen, dürfe „berechtigte Sorgen nicht wegstoßen“. Auch Schulz schlägt den Bogen über den Atlantik: In ganz Europa gebe es einen massiven Rechtsruck und auch beim Brexit haben sich Alte gegen Junge gestellt. Größtes Problem für den EU-Präsidenten ist allerdings, dass man sich in einer „postfaktischen Gesellschaft“ befinde, Trump trotz seiner erwiesenen Lügen gewählt wurde. „Nur 20 Prozent seiner Aussagen waren wahr – aber das macht gar nichts.“

Flop: Türkei-Allgemeinplätze

Das, was in der Türkei passiere, sei „die Axt an den Fundamenten der Demokratie“. Die Beitrittsverhandlungen lägen de facto auf Eis, mit der Einführung der Todesstrafe sei jede Art von EU-Mitgliedschaft ausgeschlossen, dabei ist die Türkei ein wichtiger strategischer Partner. Das war’s. Viel erfährt man nicht zur Lage vor Ort und den Konsequenzen für die EU.

Top: Unterhaltung

Talkshows mit verbissenen Politiker- Gesichtern gibt es genug. Hier wird nicht gehauen oder gestritten. Hier bemühen sich die Genossen darum, ihr mit Bier und Brezeln ausgestattetes Publikum gut zu unterhalten. Dass das gelang, war vor allem ein Verdienst von Martin Schulz. Die Anekdote von seiner Frau, die im Gras sitzt und Kröten beobachtet, die Nachahmung seiner über den Smartphones gebückt laufenden Mitarbeiter – all das amüsierte. Schulz ist charismatisch, Stegner fällt dagegen etwas ab, ist manchmal zu lakonisch. Gut: Von Politikverdrossenheit ist bei dieser Veranstaltung nichts zu spüren. Es herrscht eher Familien-Ausflugsatmosphäre. Viele Menschen kommen mit ihren (fast) erwachsenen Kindern, im Publikum sitzen auch viele Studenten.

Flop: Floskeln und Klischees

Mit Floskeln wie „Politik ist ein Mannschaftssport“ (Stegner) und Klischees – „Frauen haben in der Handtasche alles, was man zum Überleben braucht“ (Schulz) – zieht man niemanden vom Hocker. Das Publikum zeigt das Mittwochabend tatsächlich sehr deutlich. Und reagiert bei solchen Dingen: einfach gar nicht. Kein Applaus auch bei der so oft gehörten Aufforderung, die Medien müssten mehr Orientierung geben.

Top: Brexit für Anfänger

Warum der Brexit für die Briten und für Europa schlecht ist, kann man kompliziert nachlesen. Schulz kann es in wenigen Sätzen gut erklären – selbst für Menschen, die überhaupt nicht im Thema sind. „Die Briten sind die zweitstärkste Volkswirtschaft in der EU, sie sind G7-Staat und veto-berechtigtes Mitglied des Sicherheitsrates. Natürlich schwächt der Austritt die EU.“ Umgekehrt schwäche der Austritt aber auch die britische Volkswirtschaft. „Ich halte den Brexit für eines der größten Dramen der letzten Jahre in Europa.“

Flop: Die Bücher-Frage

„Welches Buch empfehlen Sie für den Herbst?“ – Gähn. Diese Frage von Moderatorin Nina Wonerow, die sonst super durch den Abend führt, ist komplett überflüssig. Jede Wette, dass die Buchempfehlung von Schulz – ein Buch des Historikers Karl Dietrich Bracher zur Auflösung der Weimarer Republik – niemand mitgeschrieben hat. So wichtig das Buch selbst auch sein mag.

Top: Europa mit Leidenschaft

Wenn der EU-Parlamentspräsident über Europa spricht, dann ist Leidenschaft spürbar. Deutlich wird das vor allem beim Komplex zum umstrittenen Ceta-Abkommen. Während draußen vor der Tür Ceta-Gegner demonstrieren, erklärt Martin Schulz, warum die Wallonie weder das oft zitierte „Gallierdorf noch der Sündenbock ist“. Die Wallonen hätten Änderungen durchgesetzt, die allen anderen EU-Ländern ebenfalls dienlich seien. „Das ist ihr gutes Recht.“ Schulz fordert eine vom EU-Parlament kontrollierte EU-Regierung - kritisierte, dass er und das Parlament über viele Entscheidungen und Gespräche der Staatschefs auch erst bei Pressekonferenzen informiert werde. Gleichzeitig aber plädiert der ehemalige Bürgermeister von Würselen im Rheinland dafür, den Regionen und Staaten so viele Entscheidungen wie möglich zu überlassen. „Was Du lokal machen kannst, mach lokal.“ Die Leidenschaft für Europa, schwappt über – langanhaltender, lauter Applaus.

Einen zornigen Zwischenrufer zum Thema Europa nimmt Schulz sehr ernst, fängt selbst die Beschimpfung „Halt’s Maul“ souverän auf. Und plötzlich ist der sonst an diesem Abend so hemdsärmelige Politiker hellwach, hochkonzentriert, sehr klar. Der Zwischenrufer hatte sich darüber empört, dass große Unternehmen keine Steuern zahlen müssten. Schulz bestärkt ihn, nennt Beispiele.

Fazit: Ein guter Abend

Die Tops überwiegen die Flops. Ralf Stegner punktete vor allem beim USA-Thema. Rheinländer Martin Schulz hat mit Humor und Leidenschaft die Schleswig-Holsteiner in seinen Bann gezogen.

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erstellt am 10.Nov.2016 | 18:52 Uhr

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