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Flensburger Tageblatt

04. Dezember 2016 | 00:55 Uhr

Unterwegs zum siebenten Kontinent

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Teil 1: Als Junglehrer in einer besonders schweren achten Klasse / Kreative Aufbauarbeit mit „Verlierern“ einer fünften Hauptschulklasse

Kommt man als „Neuer“ an eine Schule, so warten auf diesen zumeist die unliebsamen Aufgaben. In meinem konkreten Fall an der Petrischule war das die Klasse 8c. Mir wurde erzählt, aus dieser Klasse wären im vergangenen Schuljahr erfahrene Kollegen schweißgebadet herausgekommen. Na dann!


Die Horrorklasse


Ich „durfte“ in ihr sämtliche Nebenfächer außer Erdkunde unterrichten. Das hieß täglich zwei bis drei Stunden! Klar war mir Folgendes: Ich musste die Klasse für mich gewinnen, die inhaltliche Arbeit war erst einmal der Beziehungsarbeit unterzuordnen. Den kleinen Häppchen von wöchentlich zwei Stunden Bio, zwei Stunden Physik und so weiter machte ich ein Ende. Ich unterrichtete jeweils ein Fach zwei, drei Wochen lang ausschließlich und kam so zu einer thematisch dichten Arbeitsintensität und einer entsprechenden Vertiefung.

Für den Anfang entschied ich mich für das Thema „Lebensraum Wald“, Biologie. Dies bot die Möglichkeit für Exkursionen in die nähere Umgebung der Schule. Nachdem wir gerade den Schulhof verlassen hatten, sah mich Antje von der Seite staunend an und sagte: „Das finde ich toll. Sie machen mit uns was. Das hat bis jetzt kein Lehrer gewagt!“ Mario suchte meine besondere Nähe. Er war mir als besonderes Schlitzohr angekündigt worden. Wie ein kleiner Dackel wich er nicht von meiner Seite. Die Atmosphäre zwischen uns beiden war aber gut.

Und im Wald passierte es dann: Simona bekam einen epileptischen Anfall. Ich war völlig überfordert. Sie fiel auf den Boden, strampelte wild um sich und war überhaupt nicht zu bändigen. Ich schenkte Mario mein ganzes Vertrauen, er müsse Hilfe holen so schnell er könne, hierher in den Wald! Und schon rannte er los. Simonas Krampfanfälle begannen sich wieder zu lösen, ihre Klassenkameradinnen kümmerten sich liebevoll um sie. Sie hatten diese Situation schon früher mit Simona erlebt und sagten, man müsse jetzt nur auf den Arzt warten. Das klang so leicht! Ich hatte große Sorgen, dass Mario mit der ihm übertragenen Aufgabe nicht zurechtkommen würde. So machte ich mich mit zwei Schülern auf den Weg zum Waldeingang. Da stand Mario schon, völlig außer Atem. Er hatte alles erledigt. Nun stand er hier am Waldeingang, wartete auf den Notarztwagen und, tatütata, da hörten wir ihn bereits!

Gegenseitiges Vertrauen war möglich und unter Beweis gestellt worden. Es war der Beginn einer erfolgreichen, von Vertrauen geprägten Unterrichtsarbeit.


Der 7. Kontinent



Eine fünfte Klasse hatte ich in Deutsch, Kunst und Religion zu unterrichten. Die Kinder waren frisch an die Schule gekommen. Sie hatten ihre vorherige Schule als „Verlierer“ verlassen, denn die „Gewinner“ waren jetzt auf dem Gymnasium oder auf der Realschule. Als Verlierer fühlten sie sich zu großen Teilen auch. Tragisch war aber jetzt, dass sie – endlich unter sich – hier anfingen, die Verlierer unter den Verlierern auszuspielen. Soziale Konflikte waren entsprechend an der Tagesordnung.

Aus diesem Kontext entwickelte ich ein „Siedlerprojekt“. Allerdings waren die Kinder dermaßen in ihren eingeübten Rollen zum Teil so tragisch gefangen, dass sie sich besser erst einmal eine neue „Identität“ zulegen sollten. Ich trug den Kindern vor, man könne alles sein, was man wolle: Zirkusdirektor, Winter, Pilot, Känguru, Kieselstein und vieles mehr! Das wäre aber zunächst ein großes Geheimnis, was später erst gelüftet werden sollte. Ich wies jedem Kind einen Partner zu und der erhielt die Aufgabe, durch Fragen an die Person die neue Identität herauszufinden.

Jetzt wurden Atemübungen gemacht, die immer helfen, wenn es um etwas ganz Persönliches geht. Und dann ging es los. Alle Kinder, mich eingeschlossen, ergriff beinahe so etwas wie eine heilige Stimmung. Mir schien, hier fanden Geburten statt, Geburten, die reale Seelenbilder von den Kindern oder deren Wunschbilder waren. Nach der ersten Runde Interviews wurden die Befragten zu den Fragern und umgekehrt. Anschließend stellten sich alle Kinder in einem Sitzkreis vor. Mario war ein Affe, Regina war der Regenbogen, es gab den Felsbrocken, die rote Tulpe, eine Schneeflocke, den Dorsch, den Schornsteinfeger, den Richter, den Einbrecher, das Nutellabrötchen, den Wind und vieles mehr.

Mit so viel Kreativität hatte ich wirklich nicht gerechnet. Die Kinder malten sich in ihrer neuen Identität, sie mussten eine für sie typische Begrüßung mit Worten und Gesten finden, sie mussten ihre Fähigkeiten und Ängste benennen und so weiter. Diese neue Welt beschäftigte sie so sehr, dass sie mich des Öfteren in der Pause suchten, um für sie existentiell Gewordenes zu klären. Die Geschichte entwickelte sich weiter. Ich versetzte die Kinder in eine gelenkte Phantasie, in der sie sich alle in einem Boot befanden, über die Weiten des Ozeans segelten auf der Suche nach einem neuen Land.

So entdeckten sie den 7. Kontinent. Ich schickte sie dort auf Erkundungstour an einem Fluss entlang, durch Wälder über Hügel und Felder. Es galt einen Platz zu finden, wo sie jetzt gerne wohnen wollten. Jetzt musste man sich mit den neuen Nachbarn verständigen. Es mussten Vereinbarungen über das Zusammenleben auf dem Kontinent getroffen werden. Das größte Problem stellte dabei unser Affe dar, zeitweise siedelte er auf dem hintersten Felsen des Kontinents. Mehrfach zog er um. Der einzige, den er zeitweise in seiner Nähe ertragen konnte, war der stumme Felsbrocken.

In zahlreichen Gesprächsrunden ging es um unseren Affen, hinter dem sich der schwer zu integrierende Mario verbarg. Doch jede eigentlich völlig reale Auseinandersetzung gewann durch die Phantasiewelt eine Wirklichkeitsebene, in der neu gehandelt und argumentiert werden konnte. Von allen Seiten bekam der Affe den größtmöglichen Zuspruch, er sei wichtig für die Kontinentaler, keiner könnte so gut die Früchte von den Bäumen holen. Schließlich nahm Mario das Los an, ein Teil der neuen Gemeinschaft zu sein.

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erstellt am 25.Jul.2016 | 18:05 Uhr

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