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Flensburger Tageblatt

05. Dezember 2016 | 13:37 Uhr

„Uns droht ein ruinöser Wettbewerb!“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Warnung vor Partnerwerkstätten: Kfz-Innung besorgt über expansive Strategien der Versicherungskonzerne / „Die Zeche zahlt der Kunde“

Die Kfz-Innung ist nicht mehr nur skeptisch, sie bewertet die Lage als sehr kritisch. Immer mehr Versicherungsunternehmen verbinden Rabatte in den Kasko-Versicherungen mit der Selbstverpflichtung für den Kunden, für Reparaturen sogenannte Partnerwerkstätten der Versicherer aufzusuchen. Dabei gucken nicht nur viele Kfz-Werkstätten in die Röhre, sondern auch die Kundschaft, behauptet Kreishandwerksmeister Günther Görrissen. „Zu auskömmlichen Bedingungen kann in diesem System eigentlich kein Betrieb existieren.“

Werkstattbesuch in einem langjährigen Flensburger Innungsbetrieb, der Chef ist verantwortlich für sieben Mitarbeiter, die das komplette Spektrum einschließlich Karosseriebau abdecken. Die Branche steht unter Druck, deshalb will der Chef seinen Betrieb nicht mit dem Namen in der Zeitung sehen. Der 54-Jährige hatte wiederholt schon Besuch von Vertretern der großen Konzerne. Freie Werkstatt, Meisterbetrieb, breit aufgestellt – damit sei man als Partnerwerkstatt interessant. Einig geworden sind sich Versicherer und Betrieb jedoch nie. „Zu den Bedingungen kommst Du nicht auf Deine Kosten“, sagt der 54-Jährige. „Unter diesen Umständen will ich keinen Betrieb führen. Ich muss abends in den Spiegel gucken können. Das könnte ich sonst nämlich nicht!“

Gut 20 Prozent weniger würde er als Versicherungspartner für die Werkstattstunde bekommen. „Die Betriebe spekulieren darauf, geringere Einnahmen durch höhere Auslastung ausgleichen zu können. Aber diese Rechnung geht nicht auf.“ Die Frage, wer für die 20 Prozent Kosten aufkommt, die dann weniger im System sind, ist für den Meister schnell beantwortet. „Wenn der Betrieb 20 Prozent weniger bekommt als er eigentlich bräuchte, zahlt das am Ende der Kunde.“ Und zwar nicht in Euro und Cent, sondern durch geringere Qualität. „Dann wird eben nicht das original Ersatzteil verbaut, und man nimmt nicht den besten von drei in Frage kommenden Lackierern, sondern den drittbesten Lackierer.“ Der Meister betont, dass dies nicht aus der Luft gegriffen ist. „Wir hatten hier schon mehr als ein Auto aus einer dieser Partnerwerkstätten zum Nachbessern auf der Bühne.“

Der Innungschef sieht das ähnlich. „Für viele Werkstätten sind die Verträge mit den Versicherern nicht auskömmlich“, hat Günther Görrissen festgestellt. „Die fixen Kosten laufen ja weiter – und da ist es ein Unterschied, ob man für die Werkstattstunde 80 Euro bekommt oder nur 59!“ Auch ihm sind Fälle bekannt, in denen die Reparatur nicht so gemacht wurde, wie sie hätte gemacht werden müssen. Die Regel, räumt er ein, sei das gleichwohl nicht.

Viele Kunden wüssten manchmal gar nicht, dass sie für die vergleichsweise geringe Ersparnis im Versicherungstarif mit dem Wegfall der freien Wahl der Werkstatt ein wichtiges Recht verlieren. „Dann schreibt die Versicherung vor, wo repariert werden muss“, so Görrissen. Was Konflikte auslösen kann, denn: „Neuwagen und Leasingfahrzeuge müssen in den Markenwerkstätten gewartet werden. Sonst droht Garantieverlust“, sagt der Ford-Vertragshändler. Ob sich die Kooperation für die Betriebe rechne, müsse jeder für sich selbst entscheiden. „Wenn einer glaubt, dass er damit gut durchkommt, muss er das tun. Ich glaube, bei dem ganzen System freut sich am Ende aber nur einer: Das Versicherungsunternehmen!“

Er sagt das auch vor dem Hintergrund angekündigter oder schon laufender Offensiven, mit denen die Versicherer in den Markt drängen. Branchenführer HUK-Coburg sei – noch regional begrenzt – mit dem Aufbau eines eigenen Werkstattgeschäfts beschäftigt, habe zudem angekündigt, in den Gebrauchtwagenhandel einzusteigen. „Das sind mächtige Kräfte, die auf den Markt drängen – das könnte ein ruinöser Wettbewerb werden“, fürchtet Görrissen.

Der fränkische Branchenführer kann diese Argumente nicht nachvollziehen. Unternehmenssprecher Holger Brendel sieht das Modell viel mehr als Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Die Werkstätten profitierten von sicherer und besserer Auslastung, vom Bezug rabattierter Original-Ersatzteile und reduziertem Verwaltungsaufwand, da dieser Teil der Schadensregulierung durch den Versicherer erledigt werde. Die Partner aber könnten durch eine Reihe von Maßnahmen Betriebsabläufe effizienter steuern, so Brendel. „Das bestätigen im übrigen nicht nur externe Sachverständige, sondern auch zahlreiche Werkstattinhaber, die in unser Netz aufgenommen werden wollen.“

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