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Kultur in Flensburg und Umgebung : Theater, das an die Nieren geht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Euro-Studio Landgraf gastierte mit dem sehr bewegenden Alzheimer-Stück „Vater“ im Bürgerhaus

Der mutige Schachzug eines ungewöhnlichen Blickwinkels macht Florian Zellers Tragikomödie „Vater“ um dessen Alzheimer-Erkrankung zu einem verstörenden, fast persönlich an die Nieren gehenden Erlebnis. Unter der Regie von Rüdiger Hentzschel waren die Schauspielbühnen Stuttgart des Euro-Studio Landgraf mit dem 2012 in Paris uraufgeführten Stück im Harrisleer Bürgerhaus zu Gast. Mit verängstigenden Fragezeichen, unbegreiflichen Ungereimtheiten, plötzlich auftretenden „wildfremden“ Personen erzählt der Autor das zu Herzen ge-hende Geschehen ausschließlich aus den Augen des Vaters, des Patienten (Ernst-Wilhelm Lenik). Mit ihm ist der Zuschauer emotional verbunden, erlebt er das Unbegreifliche, das Ausgeliefertsein, leidet er. Da steht der einst stolze Ingenieur im Schlafanzug vor Tochter Anne (Irene Christ), lehnt sich trotzig, mit hampelnden Verrenkungen gegen ihre Sorge auf: „Ich brauche niemanden. Schau her, ich kann Arme, Beine, alles gebrauchen“. Doch unerbittlich zieht sich die Schlinge der grauenvollen Krankheit zu. „Irgendetwas Seltsames ist passiert. Als hätte ich kleine Löcher im Gedächtnis. Kriegt keiner mit. Aber ich spüre es“.

Ganz still ist es im Raum, wenn der Vater sagt: „Ich bin doch hier bei mir zu Hause? Nicht“? Wenn er verletzend wird, gemein, jeden verdäch-tigt, die verlegte Uhr gestohlen zu haben. Bis sich alles umkehrt, Vater André wie ein kleines Kind „Ich will nach Hause zu meiner Mama“ wimmert und Anne ihren „kleinen Papi“ in den Schlaf singt. Das ist unbequem, macht Angst, lässt mitleiden, mit dem Kranken, mit der Ohnmacht der Familie. Das ist alles andere als komödian-tisch. Das Publikum erlebte grandiose, einfühlsame Schauspieler und einen brisanten Stoff, der niemanden kalt ließ, für manche kaum erträglich war.

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erstellt am 13.Mär.2017 | 10:12 Uhr

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