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Flensburger Tageblatt

27. September 2016 | 05:36 Uhr

Tabuisiert: Die afghanische Krankheit

vom

Der Satruper Autor H. Dieter Neumann hat einen vielschichtigen Thriller über Leiden und Erlösung eines Ex-Bundeswehr-Soldaten geschrieben

satrup | Gartenteich, Terrasse, Sonnenschirm. Kamin und Bibliothek. Katze. Der Besuch bei Heinrich Dieter Neumann in seinem Haus in Satrup, die Straße heißt "Zum Schwimmbad", kann wohliger kaum ausfallen. Alles verweist darauf, dass der ehemalige Luftwaffenoffizier, Oberstleutnant a.D., hier seinen Platz gefunden hat. Doch die Feierabend-Stimmung trügt. Neumann hat erschütternde Geschichten im Kopf. Eine davon hat er jetzt aufgeschrieben. Das Buch - Neumanns erstes - heißt "Die Narben der Hölle" und kommt in diesen Wochen auf den Markt. Am 9. September um 19 Uhr stellt der Autor sein Werk in der Angeliter Buchhandlung in Satrup vor; der benachbarte Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen begleitet Neumann dabei.

Und das nicht von ungefähr. Börnsen wird mit einem Kurzvortrag zur Afghanistan-Politik die Lesung einleiten - bildet doch der krude Krieg in diesem Land den Hintergrund für die Handlung von "Die Narben der Hölle". Kurz skizziert, geht diese so: Johannes Clasen (Name der Hauptperson) ist von seinem letzten Einsatz am Hindukusch mit einer kon graden Amnesie zurückgekommen. Er kann sich nicht erinnern, ob er zwei unschuldige Kinder getötet hat, während er selbst nur knapp überlebte. Seinen Frieden will er auf einem Segeltörn in der Ägäis finden. Doch kaum in der Türkei angelangt, wird er von Unbekannten verfolgt. In einer abgelegenen Bucht kommt es zum Kampf auf Leben und Tod. Clasen muss erkennen, dass die afghanische Krankheit viel weiter reicht als gemeinhin gedacht.

Das Buch zeugt von einer großen Kenntnis der ägäischen Küstenlandschaft und hoher Sympathie gegenüber deren türkischen Bewohnern. Es wurde nach allen Regeln des Spannungshandwerks geschrieben. "Die Narben der Hölle" ist nicht der erste Afghanistan-Thriller. Doch wohl zum ersten Mal wird in diesem Genre ein brisantes Thema angeschlagen, das man in der Öffentlichkeit häufig tabuisiert: die posttraumatische Belastungsstörung. Die Anzahl der deutschen Soldaten, die unter Verkapselungen bis hin zu Selbstmordgedanken leiden, nimmt ständig zu. "Die Narben der Hölle" ist nicht nur ein spannender Thriller, sondern auch eine politische Anklage. Mit einem "Einsatzversorgungsverbesserungsgesetz" soll den Posttraumatikern jetzt geholfen werden.

Darüber hinaus aber besitzt "Die Narben der Hölle" noch eine weitere - vielleicht die interessanteste - Dimension: Es ist eine Reise des Helden zu sich selbst. Mit all dem Ungemach hart konfrontiert, verliert Clasen schließlich die Fesseln seiner Depression, lässt Erinnerung zu und begibt sich auf die Spuren der wahren Vorgänge damals in Afghanistan. Diese psychologische Parabel wird vom Autor überzeugend in Szene gesetzt, inklusive der fälligen, erwachsenen Liebesgeschichte, sozusagen als Belohnung für Clasens verwickelte Odyssee.

Mag sein, dass sich Neumann darin auch selber widerspiegelt. Wenn sein "Ithaka" Satrup heißt, dann könnte es sein, dass sein Trauma die Olympischen Spiele 1972 waren. Eigentlich war Neumann damals als galanter Hostessen-Betreuungs-Offizier eingesetzt; doch dann wurde aus dem freundlichen Szenario ein Horror-Trip - "eines meiner schlimmsten Erlebnisse", wie der späterhin diplomierte Finanzökonom immer noch bedrückt erzählt. So hatte er seit seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr die Afghanistan-Geschichte von der posttraumatischen Verletzung im Kopf. Weitere Bücher sind schon in Arbeit. Der Thriller "Das Erbe der Wölfin" wird im nächsten Frühjahr erscheinen. Keine Fortsetzung der "Narben", aber sicherlich auch wieder so robust spannend wie vielgesichtig.

"Herbie" heißt übrigens die Katze, die sich auf Neumanns sommerlicher Terrasse räkelt. "Sie ist uns zugelaufen", sagt Neumann. Das ist eine Untertreibung. Die Katze sprang aus einem Bofrost-Wagen, kaum dass dessen Kühltüren geöffnet waren. Sie scheint ihr Trauma gut überstanden zu haben.

H. Dieter Neumann, Die Narben der Hölle. Südwestbuch Verlag, Stuttgart 2012. 290 Seiten, Preis: 12,50 Euro

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erstellt am 09.Aug.2012 | 03:59 Uhr

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