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Flensburger Tageblatt

10. Dezember 2016 | 19:35 Uhr

Streit um eine Existenzgründung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Cleveres Immobiliengeschäft oder amtlich ruinierte Existenz? Die Zwangsstilllegung der Wrangelstraße 31 hat noch unbekannte Aspekte

Wie geht es weiter mit dem ehemaligen Mütterkurheim Langballig? Im Januar erst war das Anwesen an einen privaten Investor verkauft worden, sechs Monate später sucht die Immobilie schon wieder einen Eigentümer – zum doppelten Preis. Rolf G. Nagel, der das Anwesen vom ADS-Grenzfriedenbund erworben hat, ruft jetzt 2,2 Millionen Euro auf. Dabei wollte er hier doch eigentlich eine Jugendeinrichtung aufbauen.

In Flensburg steht sein Name zunächst einmal für eine schlagzeilenträchtige Aktion des Landesjugendamtes. Am 3. März hatte die Behörde in der Wrangelstraße 31 ein Wohnheim für minderjährige Mädchen geschlossen, das von Nagels Ehefrau Rita geleitet wurde. Das Sozialministerium begründete den Schritt mit schwerwiegenden Versäumnissen. Offenbar hatte der Betreiber gravierende Zwischenfälle trotz anders lautender Weisung gegenüber der Heimaufsicht verschwiegen. Eine versuchte Selbsttötung, den Fall einer Bewohnerin, die mit selbst zugefügten Schnittverletzungen unbegleitet ins Krankenhaus geschickt wurde, den Einschluss eines Mädchen ohne Information der Sorgeberechtigten und den Vorfall vom 2. März, der dann für das Aus sorgte. Am 2. März brachte ein Rettungswagen eine minderjährige Heimbewohnerin in die Notaufnahme der Diako. Das Mädchen hatte eine Alkoholvergiftung. Obwohl die Diako das Wohnheim unverzüglich ins Bild setzte, so Ministerin Kristin Alheit vor dem Sozialausschuss des Landtages, habe der Träger die Schutzbefohlene allein gelassen. Gemeldet worden sei der Zwischenfall auch nicht.

Nagel protestierte laut und vehement gegen das Vorgehen der Aufsichtsbehörde. Für ihn ist die Einrichtung seiner Frau Opfer von Ämterwillkür und rachsüchtigen Mitarbeiterinnen, die mit anonymen Falschanzeigen die Behörde aufgewiegelt haben sollen. Den Befund der Unzuverlässigkeit bestreitet er bis heute. Bis heute beklagt er auch, dass ihm die lange vor der Zwangsschließung beantragte Betriebsgenehmigung für ein „Mädchenhaus Fördeblick“ in Langballig versagt wird. Bis heute beharrt das Sozialministerium freilich aber auch auf der amtlichen Darstellung, dass Nagel nie einen genehmigungsfähigen Antrag für eine Betriebserlaubnis gestellt hat.

Sabine und Armin Krause wundert das nicht. Die Harrisleer, die hinter ihren alias-Namen verborgen bleiben wollen, sind heute fest davon überzeugt, dass Rolf G. Nagel zu keinem Zeitpunkt beabsichtigte, das Mütterkurheim zu einer sozialpädagogischen Einrichtung auszubauen, sondern einzig und allein den Spekulationsgewinn im Auge hatte. Die beiden Harrisleer werfen Nagel vor, binnen weniger Tage ihre Existenzgründung unterwandert zu haben – „wir sitzen deswegen jetzt auf 12  000 Euro Schulden“, sagt Sabine Krause. Sie ist ehemalige Angestellte des Wohnheims Wrangelstraße und soll - laut Nagel – eine der anonymen Anzeigen verfasst haben, was sie kategorisch bestreitet.

Die 12  000 Euro, so Krause, waren in einer sehr konkreten und harmonischen Planungsphase im vergangenen Jahr aufgelaufen. Damals gab es von Rolf G. Nagel noch keine Spur. „Den haben wir vorher nie gesehen“, so Armin Krause. „Der lebte angeblich getrennt von seiner Frau in Spanien und handelte mit Immobilien.“ Das Ehepaar plante seit Frühjahr 2015 mit Rita Nagel auf der Basis eines von Sabine Krause erarbeiteten Konzepts das Mädchenhaus Fördeblick in Langballig. Die Diplom-Sozialpädagin Nagel – so der Plan – sollte noch zwei Jahre bis zu ihrem Ruhestand die pädagogische Leitung wahrnehmen, bis Sabine Krause 2019 die erforderliche Qualifikation für die vollständige Übernahme des Betriebes erreicht hätte. Das Projekt wurde flankiert durch eine renommierte Flensburger Wirtschaftskanzlei, die – so Sabine Krause – auf Wunsch und Empfehlung der Partnerin hinzugezogen worden sei.

Mitte November waren die Existenzgründer startklar. Rita Nagel, die Krauses und ein befreundetes Ehepaar. Das Finanzierungskonzept der Ehepaare fußte hauptsächlich auf Kapital ersetzender Eigenleistung, Rita Nagel hatte den Krauses für die Eigenkapitalbildung zudem ein Darlehen von 60  000 Euro gegeben. Trotz der engen Finanzierung: „Wir hatten grünes Licht“, sagen die Krauses. Auch als das andere Paar unerwartet einen Rückzieher machte, sei das Projekt nicht in Gefahr gewesen. Im Gegenteil. Mit Rolf Nagel sei Ende Dezember aus dem Nichts ein finanzstarker Partner eingestiegen. Gerade noch zur rechten Zeit, wie es schien, denn das von ADS eingeräumte Vorkaufsrecht wäre am 4. Januar abgelaufen. „Aus unserer Sicht war das damals eine tolle Entwicklung“, sagt Sabine Krause im Rückblick.

Rolf Nagel verliert keine Zeit. In Mails an die Bank der Krauses und an die Immobilienverkäuferin ADS bringt er sich als Retter des Projektes in Position, der das Objekt sichern will, bis die Krauses ihre veränderte Finanzierungskulisse neu ausbalanciert haben. Dabei verschiebt er freilich die Tektonik der Partnerschaft: Er lässt die Krauses das Darlehen zurückzahlen, er tritt bei der VR Bank anstelle der Krauses in die Finanzierung ein, er trifft Vereinbarungen, die das Zugriffsrecht der Krauses auf das Objekt Mütterkurheim aushebeln. Am 4. Januar hat das Ehepaar nichts mehr in der Hand – nur ein Schreiben, in dem Rita Nagel ankündigt, dass sie das Mädchenhaus doch lieber in eigener Regie betreiben will. Die Krauses stiegen enttäuscht aus und ziehen ihren im November 2015 gestellten Antrag auf Betriebserlaubnis zurück.

Rolf Nagel widerspricht. Die Krauses seien nicht ausmanöveriert worden. 80 Prozent der Finanzierung hätte das zweite Ehepaar erbringen sollen, es habe nach Kauf der Immobilie seitens seiner Frau ein großzügiges Arbeitsangebot gegeben. Die im Sozialausschuss diskutierten Zwischenfälle habe er mehrfach zurückgewiesen, die Schließungsbegründung für die Einrichtung sei völlig unrichtig, unwahr, eine falsche Tatsachenbehauptung, die durch seinen Rechtsanwalt im vollen Umfang widerlegt worden sei. Und die Zukunft? Nagel scheint die Gründungspläne zu Gunsten eines Verkaufs zu den Akten gelegt zu haben. „Unsere Planung wurde durch das rechtswidrige Verhalten des Landesjugendamtes obsolet“, sagt er. „Natürlich wird dann das Objekt so gut wie möglich vermarktet!“

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erstellt am 07.Jul.2016 | 18:24 Uhr

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