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Flensburger Tageblatt

07. Dezember 2016 | 15:30 Uhr

Klage gegen Zensus eingereicht : Stadt will 6500 Bürger zurück

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Spurensuche nach möglichen Fehlerquellen soll die Richter am Verwaltungsgericht überzeugen.

Flensburg | Jetzt wird es Ernst: Die Stadt hat Klage gegen den Zensus von 2011 eingereicht. Sie kämpft um 6500 Einwohner und um das Geld, das sie Jahr für Jahr für diese Einwohner bekommen müsste. Das sind ab kommendem Jahr immerhin sechs Millionen Euro, die in der Stadtkasse fehlen. Der Oberbürgermeister, die Justiziarin und der Berater der Stadt sind sich sicher: Beim Zensus ist in Flensburg etwas gründlich schief gelaufen.

Zum Beispiel im Haus Schiffbrücke 4, direkt am Willy-Brandt-Platz. Da fehlten beim Zensus offenbar 16 Personen. Da 2011 in Kommunen über 10  000 Einwohnern nicht alle Individuen gezählt, sondern nur Stichproben genommen wurden, könnte hier eine Ursache für das eklatant abweichende Ergebnis liegen. Hochgerechnet, so der Statistik-Professor Björn Christensen, der die Stadt berät, könnten allein aufgrund dieser Abweichung 400 Personen im Ergebnis verloren gegangen sein.

Unter der Adresse Schiffbrücke 4 waren offenbar im Melderegister 18 Personen registriert. Die Zensus-Mitarbeiter hätten 2011 aber nur zwei angetroffen – und 16 als fehlend aufgeschrieben, so Christensen. Der Grund: Sie haben Eingänge im hinteren Bereich des Altstadt-Hauses nicht gefunden und konnten somit die hier lebenden Personen nicht zählen. Das gilt auch für das Haus Norderstraße 151-153. Hier wurden beim Zensus offenbar nur die Bewohner der Nr. 151 gezählt; es gibt jedoch ein Hinterhaus, das schwer zu erreichen ist, weil die Toreinfahrt geschlossen ist. Vielleicht sei die an vielen Stellen der Altstadt verschachtelte Bauweise einiger Häuser mit versteckten Hintereingängen und Nebengebäuden einer der Gründe, warum die Volkszähler 2011 so viele im Melderegister gemeldete Bürger im wirklichen Leben nicht haben finden können, so OB Faber. Und die Hochrechnung machte alles nur noch schlimmer.

Ein weitere Ungereimtheit betrifft die Verteilung der Geschlechter. Der Zensus hat errechnet, dass es in der Altersgruppe der Zwei- bis Sechsjährigen 50 Prozent mehr Jungen als Mädchen gibt. Selbst das Statistische Landesamt habe der Stadt rückgemeldet, dass solche Daten für eine solide Bevölkerungsvorausberechnung nicht geeignet seien.

„Flensburg hat sich die Mühe gemacht, bis ins Kleinste herauszufinden, was geschehen ist oder geschehen sein könnte“, sagt Christensen. Nach seinen Erkenntnissen stehe die Stadt damit allein da. „Flensburg ist hier musterhaft.“

Eine Prognose, wie die Chancen der Stadt auf einen Erfolg vor dem Verwaltungsgericht sind, wollte Christensen nicht wagen. Sicher ist: Die Vermutungen zu möglichen Fehlerquellen können vom Statistikamt weder bestätigt noch dementiert werden. Denn es gibt keine Dokumentationen über das, was beim Zensus im Detail gemacht wurde. Christensen: „Man kann nicht einfach sagen, es sei nichts schief gegangen.“ Justiziarin Ellen Eichmeyer hat einen ganze Aktenordner mit Unterlagen zur Klage gefüllt; allerdings rechnet sie nicht mit einem kurzfristigen Bescheid aus Schleswig. „Alle schauen nach Karlsruhe“, sagt sie. Das Land Berlin habe eine Normenkontrollklage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Der Ausgang dieses Verfahrens könnte richtungsweisend für andere sein.

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erstellt am 08.Mär.2016 | 11:00 Uhr

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